Halleluja, Bruder!

Pedros Geschichte

Nichts. Kein Räuspern, keine hochgezogene Augenbraue, nicht einmal ein verächtliches Lachen. Alle schlürften ihre Hühnersuppe weiter, als wären meine sorgfältig zurechtgelegten, nervös vorgetragenen Worte nur in meinem Kopf erklungen.
«Habt ihr mir überhaupt zugehört?»
«Jaja, mein Sohn, iss deine Suppe. Du bist in der Pubertät. Diese Phase geht vorbei. Du wirst schon sehen: In ein paar Tagen hast du die ganze Sache wieder vergessen.»

In den vierzehn Jahren meines Lebens war ich immer ein Musterknabe gewesen. Ich hielt treu an dem fest, was meine Mutter mir beigebracht hatte. Sie benutzte ihre blecherne Stimme dazu, um auf den Strassen von Lima ihre Produkte zu vermarkten. Gleichzeitig schlurfte sie durch meine Gehirnwindungen und pflanzte dort fortwährend den einen Grundsatz, nach dem ich zu Leben hatte: «Nimm dir, was du kriegen kannst, und lass dich nicht dabei erwischen!»
Meine acht älteren Halb- und Vollgeschwister waren die idealen Vorbilder, um das Handwerk des Betrugs zu perfektionieren. Ich war so gut darin, dass mir meine Eltern sogar für einen kurzen Moment abkauften, dass ich einen Zwillingsbruder hätte. Mittlerweile glaubten sie mir nichts mehr, bis sie die jeweiligen Beweismaterialien wie gestohlene Fahrräder oder neue Sneaker nicht selbst in den Händen hielten. Wenn nicht einmal deine Eltern mehr unterscheiden können, welcher Teil deiner Geschichten erfunden ist, dann hast du die Tür zum Erfolg geknackt.
Nur zwei Dinge hätten mich noch daran hindern können, ein berüchtigter Drogenboss zu werden: eine Überdosis Kokain oder die plötzliche Entscheidung, mein Leben zu ändern. Es gab Momente, in denen ich mir wünschte, es wäre Ersteres gewesen.

«Guten Morgen, Pedro. Na, heute schon gebetet?»
Jetzt hätte ich gut auf die hochgezogene Augenbraue meines Bruders verzichten können.
«Pass auf, dass du heute Leo nicht über den Weg läufst», sagte meine Schwester fürsorglich. Ihre zuckenden Mundwinkel kündigten den zweiten Teil des Satzes schon an: «Es wäre schade, wenn du deine erste Sünde nach deinem ‚Neubeginn‘ für ein blaues Auge in dessen bereits verunstaltetem Gesicht verschwendest.»
«Wetten, dass es unser Halleluja-Bruder keine drei Tage aushält, ohne ein Fahrrad zu klauen», grinste der Älteste, während er zehn Soles als Einsatz in die Luft streckte. Niemand wollte dagegenhalten.
Ich atmete tief durch und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Ich hörte, wie mein jüngerer Bruder mir hinterherlief. «Pedro», sagte er beschwichtigend und blieb hinter mir stehen. Als ich mich umdrehte, lächelte er mich an, kam etwas näher und fuhr im Flüsterton weiter: «Sag schon, wie heisst sie?» Ich sah ihn verwirrt an. «Die muss echt hübsch sein, wenn du diesen ganze Kirchen-Scheiss mitmachst, nur um an sie ranzukommen.»
Ich ballte die Fäuste und lief schnaubend davon.

Mein wutentbranntes, inneres Schreien erschütterte jede Faser meines Körpers. Es schien niemanden zu interessieren, weshalb ich am Vortag auf einem Plastikstuhl sitzend vergeblich versuchte, meine Tränen vor meinen beiden besten Freunden zu verbergen, während wir wie gebannt den Worten des Pastors zuhörten. Ich hatte ihnen zuerst nicht geglaubt, als sie mir nach ihrem ersten Kirchenbesuch erzählt hatten, sie würden nochmals hingehen wollen. Obwohl es diesmal gar nichts zu essen gab! Und jetzt war ich derjenige, der heulte.
Seit meiner Geburt hatte ich gelernt, wie man möglichst einfach durchs Leben kommt. Die Kunst bestand darin, andere Menschen nicht ausschliesslich als Konkurrenten zu sehen, sondern auch als Werkzeuge: Durch sie kam ich an Dinge ran, die ich allein nicht hätte kriegen können. Ich konnte Menschen hervorragend lesen und lenken, aber ich hatte nie gelernt, sie zu lieben.
Und an jenem Morgen, in diesem schummrigen Versammlungsraum voller fremder Menschen fühlte ich plötzlich Dinge, die ich gar nicht fühlen dürfte. Empfindungen, die mich ergriffen und fesselten. Ich fühlte mich verbunden mit diesen Menschen, obwohl sie mir nichts nützten.

«Hey, dich kenne ich doch», riss mich eine sympathische Mädchenstimme aus meinen Gedanken. Ich sah sie an, schaute mich um und versuchte den plötzlich auftretenden Adrenalinschub daran zu hindern, bis in mein Gesicht vorzudringen.
«Ja stimmt, wir haben uns letzte Woche vor deiner Schule kurz unterhalten. Ehm… Emilia?»
«Xiomara», antwortete sie mit einem Lächeln und kam langsam auf mich zu. «Ich hatte schon gehofft, dich wieder einmal zu treffen. Du hattest echt ein paar witzige Sprüche drauf.»
Irgend etwas in ihrem Blick beunruhigte mich. Aber es war schon zu spät. Sie packte mich, stellte mir den Haken, hielt mich auf den Boden gedrückt und schrie: «William, komm schnell! Ich hab den Fahrraddieb!»
Zwei Sekunden. So lange hatte ich Zeit, meine Reaktion zu überdenken. Bisher kannte ich zwei Optionen: Wegrennen und gleichzeitig hoffen, sie nie wieder zu sehen oder meine Schauspieltricks auspacken und dabei riskieren, verprügelt zu werden. Mein Cousin hatte das Fahrrad geklaut. Ich hatte sie nur abgelenkt. Mit etwas Feingefühl wäre rausreden vielleicht noch möglich gewesen. Doch ich wollte es nicht riskieren. Also rammte ich ihr meinen Ellbogen ins Gesicht, stiess sie weg und rannte auf Umwegen zurück in mein Quartier.

Schwer atmend lehnte ich mich an eine Hauswand, stützte den Kopf in meine Hände und spürte, wie das Adrenalin langsam abklang. Da legte sich eine Hand auf meine Schulter und sofort drehte ich mich angriffsbereit um.
«Hey, keine Panik. Was ist denn mit dir los?»
Es war mein Cousin.
«Das Mädchen von letzter Woche hat mich auf der Strasse erkannt.»
Er legte den Kopf schräg und kniff die Augen zusammen, bevor er langsam fragte: «Und du bist weggerannt? Dann scheint es wohl doch nicht so schlimm zu sein.»
«Wovon redest du?»
«Dein Bruder hat mir erzählt du würdest jetzt in die Kirche gehen.»
«Und?»
«Und ich war gerade auf dem Weg zu dir, um dir Glück zu wünschen auf deinem Weg ein ‚guter Mensch‘ zu werden.» Was in seinen Augen funkelte, war nicht nur Belustigung, sondern Verachtung. «Aber es war ja klar, dass du mit diesem Plan nicht weit kommen würdest.» Jetzt schaute er mich herablassend an: «Hättest du nicht auf den Knien das Mädchen um Vergebung bitten und ihr das Fahrrad zurückgeben müssen? Das würde doch ein echter Christ tun. Wenn du denkst, du wärst besser als wir, dann verhalte dich gefälligst auch so.»
Lass es. Er will dich nur provozieren. Geh einfach. Aber die Wut auf meine Familie, mein Leben und vor allem auf mich selbst schoss mit voller Wucht aus mir heraus und liess meinen Cousin mit blutender Nase und triumphierendem Grinsen auf dem staubigen Boden zurück.

Ich betrat das kleine Zimmer, das ich mit drei meiner Geschwister teilte, liess mich auf mein Bett fallen und seufzte laut: «Verdammte Scheisse! Warum krieg ich das nicht hin? Einfach mal ehrlich sein. Einfach mal eine einfangen, weil ich es verdient hab.»
Meine ältere Schwester sah kurz auf, lächelte wissend, strich dann weiter mit dem blauen Pinsel über ihre Nägel, und sagte: «Du bist einer von uns, Bruder. Wir ändern uns nicht.»
«Wie meinst du das?»
Sie betrachtete eingehend den Nagel ihres kleinen Fingers, während sie nachdachte. Dann sagte sie: «Du kennst sicher den Spruch: ‚Wenn du die Welt verändern willst, dann fang bei dir an.’ Das hat bestimmt ein Gringo gesagt, oder sonst ein Vollidiot. Schau – solange sich die Welt nicht verändert, wirst auch du dich nicht ändern können. So läuft unsere Welt: Du nimmst, was du kriegen kannst. Wenn du’s nicht tust, kriegst du nichts und bist morgen tot.»
Ich hätte nicht gedacht, dass es in meinem Gehirn Platz hat für eine weitere Prägungspflanzerin. Doch ich spürte bereits, wie sich die schönlackierten Fingernägel meiner Schwester an meiner Gehirnmasse zu schaffen machten. Solange sich die Welt nicht verändert, wirst auch du dich niemals ändern – für immer eingegraben im Nährboden meiner Gedanken.
«Es ist nicht deine Schuld», versuchte sie mich aufzumuntern. «Hättest du reiche Eltern und könntest auf eine bessere Schule gehen, dann wäre es einfacher, so ein Kirchenmensch zu sein.»
Ich seufzte tief, vergrub mein Gesicht in den Händen und murmelte: «Warum kann diese verfluchte Armut nicht wenigstens meine Seele in Ruhe lassen?»

In hohem Bogen flog die unschuldige Cola-Dose auf die andere Strassenseite. Es tat gut und störte niemanden. Eine seltene Kombination. Hoffentlich würde das Fussballspiel mit meinen Freunden dieselbe Wirkung haben. Ich ging zielstrebig durch die Strassen in Richtung Sportplatz.
Plötzlich blieb ich stehen. Ein geparktes Auto am Strassenrand zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es hatte keinen einzigen Blechschaden. Also konnte es niemandem aus unserem Quartier gehören. Ich ging langsam am Auto vorbei und spähte unauffällig durch die Fenster. Ich traute meinen Augen kaum: Brieftasche und Handy lagen auf dem Beifahrersitz! Es wäre ein Verbrechen, so viel Dummheit nicht mit einer eingeschlagenen Scheibe und verschwundenen Wertsachen zu bestrafen. Ich spürte, wie mein durchschlurftes Gehirn danach schrie, diesem Autobesitzer eine Lektion zu erteilen. Aber ich wollte es nicht. Dieser Typ hat sicher hart gearbeitet für sein Geld. Er hat es sich verdient. Aber – hätte ich es nicht auch verdient? Was kann ich dafür, in diesem Drecksloch geboren zu sein? Es war auch harte Arbeit, meine diebische Fingerfertigkeit und meinen frechen Mut zu erlernen.

«Hey, Pedro! So ein Zufall, dich hier zu treffen.» Ein älterer Junge aus der Jugendgruppe der Kirche trat gerade aus dem Lebensmittelladen an der Ecke. «Hast du schon gegessen? Komm, ich lad dich auf einen Burger ein!»
Selten hatte ich mich so gefreut, ein kaum vertrautes Gesicht zu sehen. Der Druck wich von meiner Brust, meine Finger entspannten sich und ich spürte meine schlurfende Mutter pausieren. Nach einem freundschaftlichen Handschlag schlenderten wir plaudernd zum nächsten Burgerstand. Der Burger war schnell verdaut – doch mein knapp verhinderter Diebstahl lag mir noch etwas länger im Magen.

Am Abend sass ich hinter der Tür unseres Badezimmers, dem einzigen Ort, an dem ich allein sein konnte. Ich betrachtete die Bibel in meiner Hand. Der Junge aus der Jugendgruppe hatte sie mir geschenkt. Vielleicht werde ich einmal darin lesen. Aber für den Moment reichte es mir, sie anzuschauen. Das kleine Kreuz auf dem Buchdeckel trieb mir erneut Tränen in die Augen und durchflutete auch den Rest meines Körpers: Mein Herz weichte sich auf; die jahrelang eingegrabenen Prägungen begannen sich langsam zu zersetzen.
Dieser Jesus war unschuldig, wurde von seinem Freund verraten und rannte nicht einmal weg, als die Bullen kamen, um ihn zu verhaften. In unserem Quartier wäre der keine zehn Jahre alt geworden. Er war bereit, für andere – sogar für seine Gegner – zu leiden. Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Und trotzdem berührte es mich. Trotzdem merkte ich, dass ich mir Spuren von diesem Jesus in meinem Herzen und meinem Hirn wünschte.

Meine Schwester hatte Recht: Wenn die Welt gleichblieb, konnte ich mich nicht ändern. Aber ich spürte, dass die Begegnung mit diesen Kirchenmenschen meine Welt bereits verändert hatte. Ganz ohne Geld und ohne bessere Schule. Sondern weil sie in mir den Glauben wachsen liessen, dass Menschen nicht nur nützlich sind – wir sind wertvoll.




Pedro García hät später Theologie studiert, wurde Pastor und hat die Kirche Casa de Dios in einem Armenviertel am Stadtrand von Lima gegründet.
https://casadedios.travel.blog/kontakt/

Auf einer Skala von „fromm“ bis „hilfsbereit“ – wie christlich bist du?

Ein Label ist ein Versprechen. „IKEA“ verspricht einen Haushaltsgegenstand, der genauso angenehm ist für das Auge wie für das Portemonnaie. „Apple“ verspricht mein Leben – oder mein Handy, oder beides – effizienter, schöner und benutzerfreundlicher zu machen.

In meinen 25 Lebensjahren habe ich viele Menschen kennengelernt, die genau zu wissen scheinen, was sich hinter dem Label „Christ“ verbirgt – sowohl Menschen, die sich selbst davon abgrenzen als auch solche, die andere davon abgrenzen. Manche verstehen sich als Christen, weil sie hilfsbereit sind, andere lehnen das Christentum ab, weil sie selbst nicht fromm sind. Während dem Theologiestudium habe ich dann gelernt, dieses Label vollständig zu entleeren und jeweils meinem Gegenüber zu erlauben, es beliebig mit den eigenen Vorstellungen zu füllen. „Ein Christ ist, wer sich als Christ bezeichnet“ – ausser natürlich, diese Person hält sich nicht an meine ethischen Grundsätzen, dann ist sie nicht christlich, sondern heuchlerisch oder evangelikal.

Nachdem ich nun sechs Monate mit Menschen unterwegs war, die sich ebenfalls als „Christen“ bezeichnen, dies aber ganz anders ausleben und ausdrücken als ich, wage ich es erneut, die Frage zu stellen: Was verbirgt sich eigentlich hinter dem Label „Christ/Christin“?

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich viele Geschichten gehört und Gesichter gelesen. Eine junge Frau kostet nach ihrer Scheidung die neu gewonnene Freiheit aus, und merkte bald darauf, dass sie sich nicht frei, sondern leer fühlt. „Während mehreren Wochen ging es mir richtig schlecht. Nichts half mir. Nicht einmal ein Gespräch mit meiner Mutter – obwohl das sonst immer hilft! Meine Mutter meinte, ich solle beten. Nach längerem Zögern tat ich das dann auch. Und ich kann es nicht erklären, aber ab dem Moment war die Leere gefüllt mit einem tiefen Frieden“, welcher wohl auch jetzt, beim Erinnern dieses Moments, für das Glitzern in ihren Augen sorgt.

Ein junger Mann sitzt während des Lockdowns in seiner Wohnung. Er schaut auf die Strasse, sieht all die geparkten Autos und denkt: „Was mich vorher so fasziniert hat, ist plötzlich wertlos geworden. Mein Auto steht still. Bei meiner Kleidung ist nur noch wichtig, dass sie wärmt, nicht mehr, wie sie wirkt.“ Er ist gezwungen, mehr Zeit mit sich selbst als mit seinem Besitz zu verbringen und denkt sich: „Vielleicht ist es wichtiger, wer ich bin, als was ich habe.“ So macht er sich auf eine spirituelle Suche, die im Wunsch mündet, in der Liebe zu Gott und zu den Menschen zu wachsen, auch wenn dies bedeuten kann, dass sein Besitz schrumpft.

Wenn mir Menschen erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass sie sich heute als „Christen“ bezeichnen, spüre ich, dass unser Herz im gleichen Takt schlägt. Doch von denselben Menschen höre ich auch Aussagen, die ich selbst nie so formulieren oder denen ich sogar widersprechen würde: „Alles, was geschieht, ist von Gott so gewollt“, „Liebe ist nur dann echt, wenn du sie von Gottes Liebe kanalisieren lässt“ oder „Ich bin ein Kind Gottes – Covid19 kann mir also nichts anhaben“. Wenn eine leidvolle Erfahrung mal nicht dem Teufel zugeschrieben wird, dann wird Gottes Aufmerksamkeits-Bedürfnis dafür verantwortlich gemacht. Wenn ich dies beobachte, zögere ich, mich demselben Label zuzuordnen, zu welchem sich auch mein Gegenüber zählt.

Aber es gibt zwei Gründe, die mich dazu bringen, uns trotzdem weiterhin in denselben Topf zu werfen. Erstens hat mich manches anfänglich befremdet, dann aber auch fasziniert und schon bald habe ich gehört, wie ich es selbst gesagt habe. Andere Lebensumstände, Gesellschaftsordnungen und Lebensweisen erfordern auch eine andere Theologie. Ich möchte mich damit nicht einem allgemeinen Kulturrelativismus anschliessen, sondern diesem Gott nachfolgen, der eingetaucht ist in eine ganz bestimmte Kultur, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, der ihre Sitten aufgenommen hat und dabei trotzdem seine Göttlichkeit nicht verlor. Vielleicht hat sich gerade dadurch, dass er kulturelle Eigenheiten aufgenommen hat, seine Göttlichkeit gezeigt. Ich glaube, dass es ein Ausdruck von Gottes Wesen ist, dass man keiner bestimmten Kultur angehören muss, um ihm nachfolgen zu können, sondern dass er uns in unserer jeweiligen Lebensweise begegnet. Jesus hat die jüdische Kultur angenommen, und sie gleichzeitig stark herausgefordert. So scheint es auch der schweizerischen und der peruanischen Kultur zu ergehen, wenn sie mit dem Göttlichen in Berührung kommen.

Zweitens spüre ich, wenn ich diesen Geschichten zuhöre, dass es derselbe Gott ist, der auch meine Geschichte geformt hat. Ich wage es deshalb, das Label „Christenmensch“ zu füllen, indem ich die beobachteten Gemeinsamkeiten zusammenfasse: Jeder von uns Christinnen und Christen ist einmal an den Punkt gekommen, an dem wir gemerkt haben, dass das, wonach wir suchen, nicht das ist, wonach wir uns eigentlich sehnen. Gleichzeitig wurde uns klar, dass derjenige, nach dem wir uns sehnen, uns bereits gefunden hat.

(Für Widersprüche, Zusprüche und andere Sprüche hinterlasst gerne Kommentare.)

Warum nach dem „warum“ fragen?

„Ich bin nicht sozial. Diese Menschen sind mir total egal“, sagt Adolfo während der Rückfahrt von einem Einsatz am Stadtrand, wo wir einer armen Familie Lebensmittel vorbeigebracht hatten. Adolfo nutzt seine landesweite Bekanntheit als Schauspieler und Moderator um Spenden für unser Lebensmittelpaket-Projekt zu sammeln und ist gleichzeitig bei fast jedem Einsatz dabei, ermutigt die Menschen und bringt sie zum Lachen. „Ich mache das nur, weil ich es im Leben immer gut hatte und aus Dankbarkeit etwas davon zurückgeben möchte. Aber an sich sind mir diese Menschen egal.“

Man kann dieselben Handlungen aus ganz unterschiedlicher Motivation ausführen. Ist denn die Motivation überhaupt wichtig? Spielt es eine Rolle, was sich in meinem Kopf und in meinem Herzen bewegt, oder zählt nur das, was meine Hände und mein Mund hervorbringen? Diese Frage wird dann wichtig, wenn wir bei der Arbeit, in der Schule, in der Nachbarschaft oder auch in der Familie mit Menschen unterwegs sind, die anders denken und fühlen als wir. Wie viel müssen wir gleich sehen, um gemeinsam an einem Projekt arbeiten zu können? Welchen Werten müssen beide zustimmen, damit eine Freundschaft entstehen kann? Wie viel Inneres muss gleich sein, damit das Äussere gleich herauskommt? 

Nataly schaut auf ihre Heimat

Unser Lebensmittelpaket-Projekt hat bisher gut funktioniert, obwohl sich jedes Teammitglied aus anderen Gründen engagiert hat. Das Denken ist ganz verschieden, und doch ist das Handeln gleich. Ein Freund sagte kürzlich zu mir: „Es ist egal, was du glaubst – Hauptsache, du tust Gutes.“ Er gehört also zu den Menschen, die davon ausgehen, dass ich mit nichts von dem, was du glaubst und denkst, übereinstimmen muss, sofern wir uns auf ein gemeinsames Handeln einigen können. Dies scheint zutreffend für Beziehungen wie die zwischen mir und meinem Dienstleister: Ich möchte, dass mein neues Handy vor Ablauf des Liefertermines eintrifft, meine Internetverbindung vor Beginn der Zoom-Konferenz läuft und mein Kaffee vor Eintritt meines entnervten Wutausbruchs serviert ist. Der Preis interessiert mich dabei weitaus mehr als die Motivation, mit welcher die Dienstleistung ausgeführt wird.

Doch bleiben wir beim Beispiel von Adolfo. Er ist ein ausgezeichneter Schauspieler – man merkt ihm sein Desinteresse kein bisschen an. Trotzdem finde ich es entscheidend, ob sich sein Herz zusammenzieht, wenn er in die hungernden Gesichter schaut; ob er sich für die Geschichte dieser Menschen interessiert und ob er mehr Kontakt mit ihnen haben möchte, als unbedingt nötig. Dies ist mir vor allem deshalb wichtig, weil ich aufgrund seiner inneren Einstellung sein längerfristiges Verhalten abschätzen kann. Wenn ich weiss, dass er sich für diese Menschen interessiert, kann ich damit rechnen, dass er alles in seiner Macht stehende tun wird, um ihnen zu helfen, auch wenn es ihn etwas kostet. Ist er jedoch wohltätig aus Dankbarkeit für den eigenen Wohlstand, dann wird seine Bereitschaft, Hilfe zu leisten, mit steigenden Kosten abnehmen.

Die Begründung meiner Motivation bei einer Handlung ist genauso wichtig wie die Positionierung des Queues bei einem Billardspiel: Die kleinste Verschiebung des Queues entscheidet darüber, ob die Bahn der Kugel zum Loch führt. Woher der Antrieb kommt, bestimmt, wo man längerfristig landet.

Dies ist einer der Gründe, weshalb ich mich dazu entschieden habe, das Projekt #MiraflorinosAyudan nur für die aktuelle Situation der Nothilfe zu nutzen und die Idee, eine langfristige Organisation daraus zu machen, nicht weiterzuverfolgen. Ich bin unglaublich dankbar für den grossen Einsatz von Adolfo und allen anderen Team-Mitgliedern, und das gemeinsame Planen und Organisieren bereitet uns allen sehr viel Freude. Doch gerade vor dem Hintergrund von #MiraflorinosAyudan schätze ich die Arbeitsweise von Pedro García und Casa de Dios umso mehr. Pedro versteht die Menschen der Kirche als Teil seiner Familie, weshalb er sich neben ihrer geistlichen Begleitung selbstverständlich auch um ihr materielles und relationales Wohlbefinden kümmert. Und er versteht die Kirche als beauftragt, um sich um das Wohl des umliegenden Quartiers zu sorgen. Ein Antrieb, der aus dieser Richtung kommt, wird auch bei viel Widerstand in eine gute Richtung weitergehen.

Noch wichtiger als die Richtung scheint mir aber, woher die Kraft kommt, die ihn antreibt. Je länger ich beobachte wie Pedro unermüdlich lobt, liebt und lehrt, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass diese Kraft weder auf biologischen noch auf sozialen Bedingungen beruht, sondern aus derselben Quelle kommt, welche schon vor 2000 Jahren seinen Namensvetter Petrus zum Loben, Lieben und Lehren angetrieben hat.

Casa de Dios unterstützt die Gemeinschaftspfannen der Nachbarschaft mit Lebensmittelspenden

Wenn du vor lauter Information erstickst

Noch nie habe ich eine solche Abneigung gegenüber meinem Facebook Newsfeed empfunden, wie in den vergangenen Monaten. Die täglichen Meldungen bezüglich absolut sicherer Heilmittel, endlich aufgedeckten Verschwörungen und den schädlichen Nebenwirkungen von Masken führen nicht selten dazu, dass ich genervt mein Handy zur Seite lege.
Neben den offensichtlichen Falschmeldungen gibt es aber auch jene Informationen, die mich tatsächlich verunsichern: Ist man nun immun gegen das Virus, wenn man es bereits hatte, oder nicht? Wie hoch ist das Risiko für junge Menschen ohne Vorerkrankungen? In dieser Flut an Informationen sehne ich mich nach einem sicheren Anker, an dem ich mich orientieren kann. Doch sobald ich mich auf eine Aussage stütze, stellt sich im nächsten Moment heraus, dass auch diese nur auf Mutmassungen vor sich hintreibt.

Ganz ähnlich scheint es vielen Menschen auch bezüglich der Religion zu gehen. Vor kurzem sagte ein Freund zu mir: „Jeder sagt etwas anderes darüber, wie Gott ist oder ob er überhaupt existiert. Letztlich kann es niemand wissen, deshalb verschwende ich keine Zeit mit diesen Gedanken.“ Es gibt so viele Religionen und noch mehr individuelle Meinungen, die alle ein anderes Bild von Gott zeichnen. Wie sollte ich da jemals eine verlässliche Information finden?

In einem ersten Schritt möchte ich darauf hinweisen, wie gefährlich es ist, wenn wir aufgrund der Unmenge an Information resignieren, statt weiterhin nach der Wahrheit zu suchen. Danach führe ich Kriterien auf, die uns dabei helfen, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden – sowohl in alltäglichen als auch in religiösen Belangen.

Die Gefahr von Falschinformationen 

Früher existierte Unwissen, weil man zu wenig Informationen zur Verfügung hatte. Heutige Unwissenheit beruht hingegen oft auf einem Übermass an Information und der Unfähigkeit, wahre von falschen Mitteilungen unterscheiden zu können. Das Resultat ist dasselbe: Wir tappen im Dunkeln.

Dies hat erhebliche Folgen für unsere individuelles und gesellschaftliches Leben: „Eine Gesellschaft, die nicht gut informiert ist, ist nicht frei“, schreibt der Media Ownership Monitor Peru. Wenn wir über eine Situation nicht angemessen informiert sind, können wir weder freie noch adäquate Entscheidungen treffen. Dies zeigt sich beispielsweise in den gezielt gestreuten Falschmeldungen, welche im brasilianischen Wahlkampf die Bevölkerung gegen den Kontrahenten des Präsidenten Bolsonaro aufgebracht haben. Wenn meine Entscheidung zur Stimmabgabe auf Berichten beruhen, die den politischen Gegner Bolsonaros fälschlicherweise als pädophil und gewalttätig darstellen, fällt meine demokratische Freiheit der Diktatur der Lüge zum Opfer. Falsche Informationen legen meine Freiheit, Entscheidungen zu treffen, in Ketten.

Wenn wir auf falsche Informationen vertrauen, führt dies dazu, dass wir die Realität verzerrt wahrnehmen und dass Stereotypen verstärkt und historische Ereignisse umgeschrieben werden. Dies trifft auf alltägliche, politische und gesellschaftliche Themen genauso zu wie auf die Religion. Ich wage zu behaupten, dass ein Irrtum bezüglich meines Glaubens sogar noch grössere Auswirkungen hat als jegliches andere Vertrauen auf eine Falschmeldung.
Welcher Religion ich angehöre bestimmt nicht nur darüber, wo ich meinen Sonntagmorgen verbringe, sondern es verändert meine gesamte Wahrnehmung der Welt. Der religiöse Glaube ist noch grundlegender als meine Wahrnehmung der politischen oder kulturellen Geschehnisse: Er bezieht sich nicht nur auf den Inhalt von dem was wir sehen, sondern auf dessen Deutung. Maribel hat lange darum gekämpft, dass die Beziehung zu ihrem Ehemann besser wird, doch jetzt hat sie keine Kraft mehr und gibt auf. Die Scheidung liegt auf dem Tisch – beide haben unterzeichnet. Maribel spürt, dass sie in ein tiefes Loch fällt: „Ich habe versagt. All das, worin ich mein Leben investiert habe, ist zerbrochen. Mein Leben ist wertlos. Ich bin wertlos.“ Sie erzählt einer Freundin von ihrem zerreissenden Schmerz. Diese schaut ihr tief in die Augen und sagt: „Ja, eine Beziehung, die halten sollte, ist zerbrochen. Aber dein Wert ist unzerbrechlich. Gott spricht dir Wert zu, unabhängig davon, wie viel in deinem Leben zu Bruch geht. Er lässt deine Scherben aber auch nicht einfach am Boden liegen: Wenn du es ihm erlaubst, wird er dein zerbrochenes Herz heilen.“

Für Maribel bedeutete die Scheidung, dass ihr Leben in der Wertlosigkeit versinkt. Ihre Freundin sieht es hingegen als Ausdruck menschlichen Versagens, ohne dass dies eine Auswirkung auf Maribels Wert hätte. Unser Glaube bestimmt darüber, welche Bedeutung wir den Ereignissen beimessen. Wenn wir mit unserer Weltanschauung falsch liegen, nehmen wir die Wirklichkeit verzerrt wahr oder blenden Teile von ihr komplett aus. Hast du bezüglich deiner Weltanschauung bereits einen Faktencheck gemacht? Beruht sie auf aktiver Überprüfung der Informationen, oder nimmst du unreflektiert auf, was die Menschen um dich herum glauben und sagen?

Wie können wir Informationen überprüfen?

Die Information: «Es regnet gerade», kann ich kontrollieren, indem ich aus dem Fenster schaue. Aber nicht jede Mitteilung kann ich durch eigene Nachforschungen überprüfen. Oft muss ich dem Überbringer der Information vertrauen. Eine Studie der Stanford History Education Group zeigt, dass nordamerikanische Studierende einem Artikel mehr vertrauen, wenn er Zahlen und Grafiken beinhaltet.[1] Die Autoren der Studie finden dieses Resultat alarmierend. Denn der zentrale Aspekt, um Informationen beurteilen zu können, ist nicht, ob die Information schlüssig dargestellt wird, sondern ob ich dem Überbringer der Information vertrauen kann. Ich muss wissen, wer hinter der Information steckt. Wusstest du zum Beispiel, dass zehn der dreizehn wichtigsten Medien Perus eng mit privatwirtschaftlichen Konglomeraten verknüpft sind?[2] Das bedeutet nicht, dass ihre Mitteilungen automatisch falsch sind. Aber es sollte uns dazu bewegen, ihre Informationen mit Vorsicht zu geniessen, wenn sie möglicherweise mit den wirtschaftlichen Interessen dieser Firmen zusammenhängen.

Ich konzentriere mich im Folgenden auf zwei Aspekte, um zu analysieren, ob die Informationsquelle vertrauenswürdig ist. Erstens: Besitzt der Informationsüberbringende die nötige Kompetenz, um über das Berichtete Auskunft geben zu können? Zweitens: Meint diese Person es gut mit mir?
Als ich vor ein paar Jahren nach Bangkok reiste, wurde mir eingeschärft, ich sollte nie eine einheimische Person nach dem Weg fragen. Diese wüssten zwar meistens den richtigen Weg, aber statt zum gewünschten Ziel, würden sie mich zu einem befreundeten Souvenir-Verkäufer führen. In diesem Fall wäre die erste Bedingung gegeben: Sie verfügen über das nötige Wissen. Aber es geht ihnen um ihr eigenes Interesse, nicht um mein Wohl.
Es reicht aber auch nicht, wenn es jemand einfach gut meint mit mir. Wie viele gutgemeinte Umarmungen haben in den letzten Monaten wohl dazu geführt, dass sich das Virus verbreitet hat? Die wohlwollende Absicht allein reicht nicht aus, um ein richtiges Urteil über die Wirklichkeit zu fällen. Es braucht auch ausreichende Kenntnis der Umstände.

Am Ende des Artikels findest du eine Übersicht bezüglich konkreter Schritte, die dabei helfen, die Kompetenz und die Absicht des Informanten zu überprüfen. Doch vorher möchte ich klären, ob diese zwei Kriterien denn auch ausreichen, um religiöse Behauptungen zu überprüfen.

Faktencheck des christlichen Glaubens

Wie kann ich überprüfen, ob der christliche Glaube wahr ist? Nun, zuerst gilt es die Quelle zu analysieren, die über den christlichen Gott berichtet: Die Bibel. Dies ist ein komplexes Unterfangen, da die Bibel genau genommen viele verschiedene Quellen beinhaltet. Wenn wir zum Beispiel die vier Evangelien betrachten, welche vom Leben Jesu erzählen, müssen wir fragen: Haben die Autoren das nötige Wissen, um die Ereignisse wahrheitsgetreu darzustellen? Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass wir ihren Kenntnissen vertrauen können. Einer ist die zeitliche Nähe, in welcher die Texte abgefasst worden sind. Das älteste Evangelium wurde höchstens vierzig Jahre nach dem Tod Jesu niedergeschrieben. Dies scheint aus unserer Sicht eine lange Zeit zu sein, die zwischen dem Geschehen und der Berichtserstattung vergeht. Für antike Texte ist dies aber eine sehr kurze Zeitspanne. Zum Vergleich: Zu Kaisers Tiberius, welcher zeitgleich mit Jesus lebte, gibt es drei Texte, die unter Historikern als verlässliche Quellen gelten. Die zwei Hauptquellen wurden erst 80 und 200 Jahre nach seinem Tod verfasst und gelten trotzdem als sehr vertrauenswürdige Berichte.[3]

Wenn wir der Kompetenz der Schreiber vertrauen, müssen wir weiter danach fragen, was ihre Absicht war: Wollten sie überhaupt verlässliche Berichterstattung erbringen? Vielleicht haben sie die Person Jesus auch nur erfunden, um durch seine Geschichte eine moralische Lehre zu vermitteln. Auch hier erwähne ich nur einen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit ihrer Absicht: Die Übereinstimmung von ausserbiblischen und biblischen Quellen. Auch wenn die ausserbiblischen Berichte über Jesus nicht sehr viele Informationen beinhalten – unter anderem seine Herkunft Judäa, sein Tod durch die römischen Machthaber, der Name seines Bruders Jakobus – ist es doch bemerkenswert, dass sie ohne Ausnahme mit dem übereinstimmen, was die Evangelien berichten. Dies zeigt, dass die Autoren der Evangelien durchaus ein Interesse an historische Genauigkeit hatten.

Wenn wir nach gewissenhafter Überprüfung zum Schluss kommen, dass die biblischen Quellen vertrauenswürdig sind, kommen wir zur wichtigeren Frage: Ist die Person Jesus vertrauenswürdig? Erstens: Besitzt er die Kompetenz, um über Dingen wie die Essenz des menschlichen Lebens oder den Charakter Gottes zu sprechen? Und zweitens: Hat er wohlwollende Absichten oder verfolgt er eigene Interessen? Bezüglich dieser Fragen möchte ich dir den Ball zuspielen: Lies die biblischen Texte und schau, ob dir dieser Jesus vertrauenswürdig erscheint. Überprüf dabei, ob die Art und Weise, wie er das menschliche Leben beschreibt, mit deinem eigenen Erleben übereinstimmt. Wenn ja, spricht dies für seine Kompetenz. Und frage dich, ob es Jesus gut meint mit den Menschen, oder ob er eigene Interessen zu verfolgen scheint. Überprüf seine Absichten!

Mein persönliches Vertrauen in Jesus wächst jedes Mal, wenn ich diese Texte lese. Ich fühle mich ertappt von der Klarheit, mit der er die menschlichen Schwächen aufdeckt. Gleichzeitig sehe ich, dass er seine Macht nutzt, um zu dienen. Ich sehe, dass er die Aufmerksamkeit nutzt, um zuzuhören. Und ich sehe, dass er seine Freiheit nutzt, um mit der Menschheit einen Bund einzugehen. Folglich vermute ich hier nicht nur wohlwollende Absichten, sondern göttliche, selbstaufopfernde Liebe.
Wenn ich mich näher mit den Quellen beschäftige, bin ich beeindruckt, wie zuverlässig sie sind. Wenn ich die Person Jesu anschaue, bin ich fasziniert, wie gut er sich mit dem menschlichen Leben, den Problemen der Welt und meinem Herzen auskennt. Und ich bin begeistert zu sehen, wie gut er es mit mir meint. Deshalb vertraue ich ihm.


[1] Vgl. Sarah McGrew, Bigger Than Fake News. Civic Reasoning in a Social Media Environment. In: American Educator, V41, N3, 4-9, 2017.

[2] Vgl. Media Ownership Monitor Peru: http://peru.mom-rsf.org/es/

[3] Vgl. Baar, Manfred, Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, 1990, Stuttgart.

Spanische Version: https://rzimlatam.com/cuando-te-ahogas-en-la-informacion/

Ich versteh dich nicht – meine Gedanken sind zu laut

Worte sind unsere Werkzeuge, um die Bilder auszugraben, die im Kopf und im Herzen unseres Gegenübers verborgen liegen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Worte von aussen gleich aussehen, von Sprecherin und Zuhörer jedoch unterschiedlich gefüllt werden. Je nachdem, wie wir Worte füllen, erzeugen sie ein anderes Bild in unseren Köpfen.
Einmal sagte ein Freund von mir: „Diese nervigen Drohnen sollte man mit Mikrowellen abschiessen“. Ich stellte mir vor, wie er ein Katapult zusammenschustert, um mit Resten-Aufwärm-Maschinen auf Drohnen zu schiessen. Er meinte natürlich nicht die Maschinen, sondern die künstlich erzeugten Wellen, welche den Maschinen ihren Namen geben.

Das Ziel von Gesprächen ist es, das Bild zu entdecken, welches der Andere im Kopf hat. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach. Je unterschiedlich die Hintergründe der zwei Sprechenden sind, desto komplizierter gestaltet es sich. Hier in Peru geschieht es oft, dass ich mit meinem Gegenüber in einer Aussage übereinstimme, deren Inhalt wir aber ganz anders sehen: „Ja, ehrlich zu sein ist mir total wichtig!“ – aber eine Kundin anzulügen gilt nicht als unehrlich, sondern als notwendig. „Ja, wenn man einen Fehler begangen hat, sollte man um Vergebung bitten“, aber als ich meinen Fehltritt zugab, wurde dies nicht als Bitte um Vergebung verstanden. „Ja, die Bibel ist mir heilig“, aber das bedeutet nicht, dass man sie liest.

Je abstrakter das Thema, desto herausfordernder ist es, zu erkennen, was wirklich hinter den Worten meines Gegenüber steckt. Insofern gestalten sich gerade Gespräche über Weltanschauungen besonders schwierig. Mit einem guten Freund führte ich immer wieder lange Gespräche über den christlichen Glauben, und er sagte von Anfang an: „Ja, ich glaube auch, dass Jesus Gottes Sohn ist.“ Vor kurzem sprachen wir wieder über Jesus, und er sagte: „Ich habe gerade zum ersten Mal gehört, dass Jesus Gott höchst persönlich sei. Trotz meiner katholischen Erziehung und ein paar Jahren in einer Freikirche habe ich immer gedacht, Jesus sei einfach ein aussergewöhnlicher Mensch, und werde deshalb ‚Sohn Gottes‘ genannt.“

Wenn ich in einem Gespräch nicht nur hören möchte, was meine Ohren aufnehmen, sondern was das Herz meines Gegenübers sagt, benötigt das viel Energie. Es ist einfach, die Aussage von jemandem anhand von dem zu beurteilen, was ihre Worte bei mir auslösen. Es ist unglaublich anstrengend, mit den Worten als Werkzeug das herauszuarbeiten, was mein Gegenüber tatsächlich meint. Dazu muss ich meinen Duden in die Ecke stellen und zulassen, dass Worte im Gespräch ganz neu definiert werden.

Vor allem muss ich aber lernen, wohlwollend zuzuhören. Wie schwierig das ist, merke ich hier besonders bezüglich des Themas „Machismo“ – patriarchales Denken. „Ich bin ein Machist/eine Machistin“, sagen manche mit stolzer Brust, andere mit gesenktem Blick, aber alle scheinen sich bewusst zu sein, dass patriarchales Blut durch die Adern der peruanischen Kultur fliesst. Von expliziten Aussagen wie „Als Mann muss man nicht kochen können“ bis zur impliziten Konventionen, dass eine Frau nie den ersten Schritt in einer Beziehung macht, hat sich patriarchales Denken tief im peruanischen Sprechen und Handeln eingefressen. Als feministisch angehauchte – oder zumindest zur Emanzipation bestrebte – Schweizerin, ist mein innerer Machismo-Detektor in ständiger Alarmbereitschaft. Ich werde oft gefragt, ob ich kochen und nähen kann, aber nicht, ob ich Fussball spielen und Auto fahren kann. Ich werde oft gefragt, warum ich noch keine Kinder habe, aber nicht, warum ich grade keine Arbeitsstelle habe.

Oft liegt mir in diesen Momenten eine zurechtweisende Antwort auf der Zunge. Doch mehr und mehr merke ich, dass es manchmal besser ist, diese runter zu schlucken. In diesen Gesprächen geht es meinem Gegenüber nicht darum, mich in meinem Frau-Sein zu definieren, sondern mich kennenzulernen. Dass dabei ihr machistisches Denken zum Vorschein kommt, ist in diesem Moment nebensächlich. Ich möchte mich in erster Linie darum bemühen, Freundschaften aufzubauen und zu stärken. Wenn sich im Laufe dieser Freundschaft dann Momente ergeben, in denen wir grundlegend über das Thema Machismo sprechen können, verspricht dies viel mehr Frucht, als wenn ich bei jeder Bemerkung mit der feministischen Peitsche knalle.
Ich möchte damit keines Falls sagen, dass man diskriminierendes Verhalten über sich ergehe lassen soll, oder dass eine Aussage nur dann diskriminierend ist, wenn sie auch so gemeint war. Stattdessen wünsche ich mir, dass auf beiden Seiten des Dialogs ein wohlwollendes Zuhören stattfindet, mit dem wir versuchen, das Gegenüber zu verstehen, und nicht, es zu entlarven oder zu besiegen.

Gelingende Kommunikation ist oft anstrengend. Sie benötigt den Willen, das Bild zu entdecken, welches meine Gesprächspartnerin im Kopf hat. Wenn dies gegeben ist, wird ein Gespräch zu einer spannenden Reise. Eine Reise, die damit beginnt, dass ich mehr Gewicht auf das lege, was das Herz meines Gegenübers sagt, als auf das, was dessen Worte bei mir auslösen.

Ganz ehrlich – mir gelingt das selten. Deshalb ist es eines meiner häufigsten Gebete geworden: „Gott, hilf mir, mein Gegenüber zu verstehen.“ Ich glaube es ist gerade in der heutigen Zeit eine der schönsten Formen, Gottes Liebe zu wiederspiegeln, indem wir „nicht zuerst danach streben, verstanden zu werden, sondern andere zu verstehen“ (Franz von Assisi).

Mein Mitbewohner kocht…
… und ich leite die Sitzung. Es ist also längst nicht alles machistisch 🙂

Dieser Moment, wenn…

Keine Situation ist so dunkel, dass sie nicht durch etwas Humor aufgehellt werden kann. Wenn die Mundwinkel erst mal hochgezogen sind, ist es einfacher, auch den Kopf hoch zu heben. Pedro und Nataly haben ein unglaubliches Talent, im richtigen Moment ein Lächeln hervorzurufen, welches Menschen verbindet und Spannungen aufhebt. In diesem Sinne möchte ich von ein paar lustigen, ironischen und berührenden Momenten berichten, die ich in diesen Monaten erlebt habe. Einige widerspiegeln kulturelle Eigenheiten, andere Person-bezogene Eigenheiten und alle sind weniger lustig, als wenn man sie selbst erlebt hat. Aber für ein Lächeln reicht es vielleicht.

Dieser Moment, wenn…

…die zweijährige Zoe mit ihrem engelhaften Lächeln das grosse Küchenmesser vor sich her schwingt und ruft: „Komm, Hündlein, komm!“. #GänsehautLachflash

…Pedro sagt: „Jetzt zeige ich euch, wie man Schweizer Käse wirklich isst“, während er ein Stück davon in den Kaffee tunkt.

…du die Vorkäuferin nach „Vegetarischer Bouillon“ fragst, und sie mit einem Rasiermesser zurückkommt. #MussWohlMeineAusspracheTrainieren

…plötzlich eine Tür aus dem unteren Stock herausgerissen und im oberen Stock eingesetzt wird, weil es günstiger ist, ein Loch zuzumauern als eine neue Tür zu kaufen.

…du nach dem Sport verschwitzt nach Hause kommst und dann merkst, dass du aufgrund des Wasserausfalls erst morgen wieder duschen kannst.

…du am anderen Ende der 10-Millionen-Stadt zufällig mit jemandem ins Gespräch kommst und herausfindest, dass ihr gemeinsame Bekannte habt. #NichtNurDieSchweizIstKlein

…du deine fehlende Sprachkenntnis jeweils mit Mimik ausgeglichen hast, und jetzt plötzlich alle Masken tragen.

…deine Pizza unten verkohlt, oben klebrig, und in der Mitte fade herausgekommen ist, und trotzdem alle sagen: „So lecker, du bist eine super Köchin!“ #Iknowyourlying

…du die biblische Geschichte von Petrus (spanisch „Pedro“) mit Ballon-Figuren darstellst und die Kinder danach ihren Eltern erzählen: „…und dann kam der Pastor Pedro mit einem Ballon und hat ein Wunder gemacht!“

…du trotz all dem technologischen Fortschritt viele Leute weder per Telefon, Whatsapp noch SMS erreichst und persönlich vorbeigehen musst, um Antwort zu erhalten. #QuarantäneAdée

…während dem Lockdown die Polizei durch die Strassen fährt, und die Nachbarn anfangen für sie zu applaudieren. #UnerwarteteDankbarkeit

…du in die ärmste Nachbarschaft kommst, die du je gesehen hast, um Lebensmittel zu verteilen, und am Ende zu einer Suppe eingeladen wirst. #SoBerührtVonDieserGrosszügigkeit

Gönn dir immer wieder Mal ein Lächeln 🙂

Zoe hat den Humor wohl geerbt, auch wenn sie ihn meist ungewollt anwendet.

Wie man Helden tötet

„Ich bin wohl nicht fürs Heldentum gemacht“, dachte ich, als ich mich vergangenen Sommer mit letzter Kraft zu einem Bächlein schleppte, um mich dort zu übergeben. Unser Jungschar-Sommer-Camp wurde von einem Virus heimgesucht, und während andere Leiter trotz Krankheit tapfer Verantwortung übernahmen, klinkte ich mich für zwei Tage komplett aus. Wenn meine Energiereserven auf Grenzen stossen, geschieht dies leider auch mit meiner Nächstenliebe und meinem Pflichtgefühl.

Heldinnen sind jene Menschen, die gerade dann, wenn sie selbst existentiell bedroht oder beeinträchtigt sind, die Bedürfnisse anderer nicht aus dem Blick verlieren. Folglich benötigt es eine Krise, damit aus einem normalen Menschen ein Held oder eine Heldin wird. Ich bin dankbar für das Privileg, in dieser schwierigen Zeit mit ein paar solcher Heldinnen und Helden unterwegs zu sein.

Alle nennen sie „la niña“ – das Mädchen. Ich hatte sie bei einem der Hausbesuche kennengelernt, und schon damals ist mir aufgefallen, wie redegewandt und initiativ sie ist. Als ich sie nun bei einer der Lebensmittelpaket-Übergaben wiedersah, kam sie auf mich zu und sagte: „Señorita Anna, ich habe die Verantwortung übernommen, um für mein Quartier Lebensmittel zu organisieren. Wenn ihr wenigstens die 17 bedürftigsten Familien unserer Zone unterstützen könntet, wäre ich schon sehr dankbar. Ich kann dir meine Nummer geben, um die Details zu besprechen.“ Obwohl sie in ihren 13 Lebensjahren nur selten den Hügel hinabgestiegen ist, überragt ihr kommunikatives Talent und ihr organisatorischer Einsatz alle, denen ich in den letzten Wochen begegnet bin.

Bei #MiraflorinosAyudan arbeiten wir immer mit Vertretern der Gemeinschaft zusammen, damit die Lebensmittel diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen. Leider kommt es dabei oft zu Unmut gegenüber dem Vertreter, weil nicht alle Familien des Quartiers Unterstützung erhalten. Ich habe schon manche Vertreter sagen hören: „Ich habe es satt: Wer helfen möchte schadet sich am Ende nur selbst.“ Als ich das Mädchen davor warnte, gab sie zur Antwort: „Keine Sorge, ich organisiere so etwas nicht zum ersten Mal. Es gab immer wieder Nachbarinnen, die wütend wurden, weil die Hilfe nicht ihnen zugutekam. Aber sie müssen lernen, sich damit abzufinden.“ Dieses Mädchen ist eine Heldin, weil sie die Not der bedürftigen Familien mehr zu Herzen nimmt als die Wut ihrer Freunde und Nachbarn.

Marsivit, „Das Mädchen“

Helden sind jene Menschen, die aufstehen, auch wenn es so viel einfacher ist, sitzen zu bleiben. Mein mentales Abwehrsystem fesselt mich immer wieder an die Bequemlichkeit, indem es Gedanken ausschüttet wie: „Wer sich selbst vernachlässigt, kann niemandem helfen“ oder „Es gibt so viele andere, die diese Aufgabe erfüllen können“ oder „Was kann ich schon tun?“. Wie alle gefährlichen Gedanken sind sie nicht ganz falsch, aber sie übertönen die hoffnungsvolle Stimme meiner inneren Heldin, die schüchtern an meine Verantwortung und meine Fähigkeiten appelliert.

Manuel und Ricardo, meine beiden AirBnB-Mitbewohner, hören täglich solche gut gemeinten Helden-Töter-Ratschläge. Es wäre so einfach, zu sagen: „Ich muss mich zuerst darum kümmern, selbst wieder ein Einkommen zu haben“, oder: „Um nicht Teil der Ansteckungskette zu werden, begebe ich mich besser nicht in die Armenviertel“, denn dies sind durchaus valable Gründe, um Zuhause zu bleiben. Doch trotz des Gewichts dieser Gedanken setzen sie einen Grossteil ihrer Energie und ihrer Zeit dafür ein, Lebensmittelspenden für die ärmere Bevölkerung zu organisieren. Sie sind Helden, weil sei aufstehen, obwohl es jeder versteht, wenn sie sitzen bleiben würden.

Ich schreibe diesen Text in einem Moment, indem mich der Heldenmut verlassen hat. Die Grosszügigkeit der peruanischen Nachbarschaft hat abgenommen, während die Not aufgrund der verlängerten Quarantäne weiter zunimmt. Kreative Ideen stossen auf geschlossene Türen und zehren an meiner Motivation. Ich mache es mir langsam gemütlich auf dem Gedanken, dass wir getan haben, was wir konnten.

Gerade in diesem Moment werde ich daran erinnert, dass ich nicht die Heldin der Geschichte bin und sie auch nicht sein muss. Gott hat mich an den Ort geführt, an dem ich jetzt gerade bin, und es liegt in seiner Verantwortung, dass die Samen, die wir streuen, aufgehen. Dies motiviert mich, wieder aufzustehen. Nicht, weil ich einen Plan hätte, wie wir die Welt retten können, sondern weil ich stehend besser Ausschau halten kann nach demjenigen, der die Welt bereits gerettet hat.

Gemeinschafts-Pfannen im Armenviertel

Wenn Gott mit Schnee spielt

Obwohl ich vorsichtig bin in der Verwendung des Wortes „Vorsehung“, scheint es mir, als würden die vergangenen Wochen den Fingerabdruck Gottes tragen.

Vor sieben Wochen: Der Inhaber eines Tourismus-Büros ist aufgewühlt, da er bis Ende Jahr keine Aussichten auf ein Einkommen hat. Er versucht Ideen für ein neues Geschäft zu entwickeln und informiert sich über Weiterbildungsmöglichkeiten. Doch es scheint nichts wirklich zu funktionieren. Immerhin vermietet er ein paar Zimmer seiner Wohnung über AirBnB, so kann er sich für den Moment über Wasser halten.

Vor sechs Wochen: Zwei junge Männer begegnen sich auf der Strasse und kommen miteinander ins Gespräch. Der eine ist Schauspieler und Moderator einer bekannten Casting-Show, der andere musste aufgrund des Lockdowns sein kürzlich eröffnetes Restaurant schliessen, seine Wohnung verlassen und in ein AirBnB umziehen. Sie verstehen sich gut und blieben weiterhin in regem Kontakt.

Vor fünf Wochen: Eine junge Schweizerin reist von Arequipa nach Lima. Sie möchte zurück zu ihrer Gastfamilie im Armenviertel, doch als sie in Lima ankommt, stellt sie spontan ihren Plan um. Da sie die Grosseltern, welche im Haus ihrer Gastfamilie leben, nicht gefährden möchte, zieht sie für zwei Wochen in ein AirBnB im Stadtzentrum.

Vor vier Wochen: Während einem leckeren Abendessen kommt der Schneeball ins Rollen. Die drei AirBnB-Bewohner sprechen über die Folgen, welche die Coronakrise für die ärmere Bevölkerung Perus hat. Aufgrund des Lockdowns darf niemand arbeiten – folglich erhält auch niemand einen Lohn. Die Regierung verteilt zwar Lebensmittel und stellt den Ärmsten einen kleinen finanziellen Unterstützungsbeitrag aus, doch die Korruption frisst viele Löcher ins Verteil-System, so dass die Hilfe nur wenige erreicht. Wer keine Ersparnisse hat, lebt von der Grosszügigkeit seiner Nachbarn. In den Aussenquartieren auf den Hügeln ist Ersteres kaum vorhanden und Letzteres schwindet mit jedem Tag, um den die Quarantäne verlängert wird. Es herrscht eine betrübte Stimmung, als die drei AirBnB-Bewohner sich fragen: Was können wir tun?

Vor drei Wochen: Die junge Schweizerin kehrt zu ihre Gastfamilie ins ärmere Aussenquartier zurück. Dort merkt sie, dass die Situation noch prekärer ist, als vermutet. Als sie ihren zwei AirBnB-Freunden die Umstände schildert, sagt der eine: „Warum sammeln wir nicht Lebensmittelspenden in unserem Quartier ‚Miraflores‘ ein, und bringen sie in die Armenviertel?“

Von da an nimmt der Schneeball Fahrt auf: Der befreundete Schauspieler steigt ins Projekt mit ein und macht ein Werbevideo. Dies zieht die Presse an, so dass die erste Aushändigung der Lebensmittelpakete live in den Nachrichten übertragen und später auf weiteren Kanälen ausgestrahlt wird. Ein AirBnBler kennt den Bürgermeister von Miraflores, welcher uns Transportmittel zur Verfügung stellt und eine Sondererlaubnis erteilt, so dass wir uns innerhalb der Stadt bewegen dürfen. Ein anderer ist gut befreundet mit dem Chef eines Unternehmens, welcher uns grosszügig unterstützt und weitere Unternehmer animiert, mitzuhelfen.
Die erste Paket-Übergabe erfolgt an 55 Familien. Wir sind überwältigt von der Not, die wir im Armenviertel José Ugaz antreffen: Viele Leute versammeln sich um uns und über den ganzen Hügel hört man, wie einige mit Kochlöffeln an ihre leere Pfannen schlagen und rufen: „Wir haben Hunger! Helft uns!“. Für alle Anwesenden ist klar, dass wir das Projekt weiterführen müssen. Auch die Presse sagt uns weiterhin ihre Unterstützung zu.

Während einer weiteren Woche sammeln wir Lebensmittelspenden ein, und diesmal können wir zusätzliche 260 Familien mit Paketen beschenken. Ich freue mich sehr über die grosse Unterstützung, die wir für unser Projekt #MiraflorinosAyudan erhalten. Doch auf dem besagten Hügel leben rund 1500 Familien. Und in Lima gibt es hunderte solcher Hügel! Unsere Hilfe ist eine Schneeflocke auf dem heissen Stein.
Wir sind glücklicherweise nicht die Einzigen, die Lebensmittel in die Armenviertel bringen. Aber die Angst vor Ansteckung ist gross, weshalb sich nur wenige nach draussen gehen möchten um Spenden einzusammeln oder auszuhändigen. Umso mehr bewegt es mich zu sehen, wie meine zwei AirBnB-Freunde all ihre Energie in dieses Projekt stecken, obwohl sie selbst gerade keinen Lohn und keine Aussichten auf einen Job nach der Quarantäne haben. Als ich sie frage, ob sie sich keine Sorgen um ihre eigene Zukunft machen, sagt der eine: „Ich kann gerade kein Einkommen generieren, aber ich kann Hilfe generieren.“

Viele zufällige Begegnungen und Entscheidungen haben dazu geführt, dass das Projekt #MiraflorinosAyudan in einem so grossen Ausmass zustande gekommen ist. Man kann es dabei belassen, dies Zufall zu nennen. Doch wenn ich mich daran erinnere, wie mich eine innere Ahnung dazu bewegte, nicht zurück in die Schweiz zu reisen, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es nur Zufall war. Zudem denke ich an mein erstes Gespräch mit dem AirBnB-Besitzer zurück, indem er sagte: „Die vergangenen Tage in der Quarantäne haben mir gezeigt, dass mein materieller Besitz kaum Wert hat. Viel wichtiger ist, wie es um mein Inneres steht. Und ich erkenne immer stärker, dass ich Gott brauche, um mein Inneres aufzuräumen. Ich würde gerne mehr über deinen Glauben hören.“ Wenn ich anhand dieser Erlebnisse die Bahn des Schneeballs zurückverfolge, so treffe ich oben auf dem Hügel ein liebevoll lächelndes Gesicht an, welches mir sagt: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,10) – oder vielleicht auch einfach: „Überraschung!“

Tägliche Einkaufstouren
Schutzkleidung obligatorisch
Team #MiraflorinosAyudan

Finde die Kolonialistin

Scham ist dieser Moment, wenn die Welt plötzlich magnetisch wird: Mein Blick kann sich nicht mehr vom Boden lösen und meine Wangen ziehen jegliche Flüssigkeit aus meinen Blutbahnen an; meine Gedanken kreisen endlos um das eben erlebte und mein Herz beginnt auf einen Schlag alle Gefühlsregungen abzustossen. Neben den kleinen alltäglichen Scham-Erlebnissen, die beispielsweise durch einen lauten Pups oder einen Tritt ins Fettnäpfchen entstehen, gibt es Scham-Momente, die das tiefste Innere meiner Identität erschüttern. In diesen Momenten blicke ich durch die Augen meines Gegenübers auf mich selbst und erkenne, dass das, was ich für ein liebevolles Lächeln hielt, eigentlich eine hässliche Fratze ist. Dass ich nicht so gut bin, wie ich dachte. Dass ich nicht den Werten entspreche, die ich eigentlich erfüllen möchte.

Warum schreibe ich über Scham? Nun – weil ich mich schäme. Ich schäme mich für die Gedanken, die ich im Folgenden mit euch teilen werde. Aber noch mehr würde ich mich dafür schämen, sie zu verschweigen.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Peru vor sechs Jahren habe ich einige aufrüttelnde Schammomente erlebt. Ich hatte mir vorgenommen, mein Verhalten und mein Denken so gut ich kann an die peruanische Kultur anzupassen, doch nach fünf Monaten wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich oft anderen mein Schweizerisches Mindset aufgedrückt hatte. Der Begriff „Schlag-auf-den-Kopf-Tag“ schien mir eine treffende Bezeichnung dieses Erlebnisses zu sein, da es sehr schmerzhaft war, aber gleichzeitig dabei half, aufzuwachen und etwas zu verändern.

Die vielen Skype-Gespräche mit Pedro und Nataly über die folgenden Jahre haben dazu beigetragen, dass ich mein Überlegenheitsgefühl ablegen konnte und verstärkt zuhöre, satt zu reden, und begleite, statt zu helfen. So konnte ich von ganzem Herzen hinter ihren Entscheidungen stehen, auch wenn ich anderer Meinung war, da ich sie endlich als Experten für die Beurteilung der Umstände anerkannte. Ich dachte, ich hätte meine eurozentrierte Dominanz abgelegt.

Doch jetzt bin ich hier – und ich schäme mich. Denn ich merke, wie oft ich meinen peruanischen Freunden misstraue: Lifehacks von gutefrage.de nehme ich ernst, doch peruanische Hausmittel probiere ich nur aus Höflichkeit aus. In der Schweiz ziehe ich vor allen Eltern den Hut; hier habe ich das Gefühl, langjährigen Müttern Erziehungstipps geben zu müssen. Den Teenies im Jugendraum traute ich selbstverantwortliche Entscheidungen zu; hier lasse ich keinen lebensverändernden Schritt unhinterfragt – egal wie alt der Entscheidungsträger ist.
Zu meiner Verteidigung könnte ich darauf hinweisen, dass Fehlinformationen hierzulande aufgrund mangelnder Bildung eine erhöhte Überlebenschance besitzen. Des Weiteren werden hier viele bereits im Teenageralter Eltern und die damit einhergehende Überforderung hinterlässt Spuren in ihren Erziehungsmassnahmen. Dies alles bewegt mich dazu, den Tipps meiner peruanischen Freunde zu misstrauen und jene meinerseits mit Ratschlägen zu überschütten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, wie ungerechtfertigt diese Haltung ist und wie viel Schaden sie anrichten kann.

Zu einer Zeit, da Besuche noch möglich waren, sitze ich mit Pedro und Celia vor dem Haus einer älteren Frau, die in der Nähe der Kirche wohnt. Sie trägt einen langen Rock, einen grossen Hut und zwei Zöpfe, die ihr fast bis zur Hüfte reichen: die typische Alltagsbekleidung einer peruanischen Bäuerin. Man merkt ihr an, dass das langjährige Herabblicken der Hauptstädter auf die Provinzler Spuren hinterlassen hat: Sie hebt ihren Blick kaum vom Boden auf, lädt uns aus Scham nicht in ihre Hütte ein und traut sich erst zu sagen, dass sie nicht lesen kann, nachdem sie bereits fünf Minuten in die offene Bibel gestarrt hat. Mir kommen fast die Tränen als ich bemerke, wie tief der Stadt-Land-Rassismus das Selbstbewusstsein dieser Frau beeinträchtigt hat. Der Hügel, den ich vom Vorplatz ihrer Hütte aus überblicken kann, ist übersät von solchen Frauen und Männern, die sich weder fähig noch wert fühlen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzustehen.
In dieser Hüttenlandschaft taucht plötzlich eine junge Europäerin auf und bietet ihre Hilfe an. Das ist keine Aufmunterung, sondern ein weiterer Schlag ins Gesicht. Einmal mehr wird gesagt: „Alleine kannst du das nicht. Ich muss kommen und dir helfen, sonst bleibst du in deinem elenden Leben stecken.“

Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb es Pedro so wichtig ist, eine enge Freundschaft zu seinen ausländischen Unterstützern zu pflegen. Wenn ich zu jemandem eine Freundschaft aufbaue, ebnet dies das schädliche Spender-Empfänger-Gefälle ein. Dieses Gefälle dehumanisiert sowohl den Spender als auch den Empfänger: Der Spender wird zum allmächtigen Goldesel und der Empfänger wird zum abhängigen Haustier.
Bereits in unserem ersten Skype-Gespräch hat mich Pedro liebevoll daran erinnert: „Du bist nicht schlechter als wir – aber auch nicht besser“. Das gemeinsame Unterwegssein auf Augenhöhe war ihm immer ein grosses Anliegen. Genauso wie er mir gegenüber der Hierarchie entgegenwirkt, versucht er dies auch am Projektort von Casa de Dios umzusetzen. Dies ist nicht immer einfach, da Pastoren in Peru üblicherweise ein hohes Ansehen besitzen. Aus diesem Grund möchte Pedro nicht „Pastor“ genannt werden, sondern einfach „Hermano“ (Bruder), wie dies unter Kirchgängern hier so üblich ist.

Dieser Blogpost ist eine Art Geständnis, aber er soll ebenso eine Herausforderung sein. Im Wissen um meiner eigene fehlerhafte Haltung möchte darauf aufmerksam machen, wie viel Kolonialismus sich hinter unserem Denken und unserer Sprache verbirgt. Folgende Aussage ist beispielsweise ermutigend gemeint, steckt jedoch voller Abschätzung gegenüber dem erwähnten Land: „Ich finde es so stark von dir, dass du in dieses Land gehst und hilfst.“ Stell dir vor, dass dir jemand sagt: „So stark, dass du in Zürich wohnst!“, oder: „So stark, dass du als Lehrer arbeitest!“. Diese Worte werden wohl von einer kinderlosen Baslerin stammen, die auf keinen Fall in deinen Schuhen stecken möchte.
Es gibt tatsächlich Menschen, die sich in diesem Land niederlassen, weil es ihnen gefällt! Und dann gibt es Menschen, die dieses Land liebevoll ihre Heimat nennen und es um nichts in der Welt verlassen würden. Ich muss nicht stark oder mutig sein, um hier zu sein. Stattdessen werde ich täglich beschenkt vom Reichtum und der Kultur dieses Landes. Ich bin hier um zu lernen, um gemeinsam mit diesen Menschen unterwegs zu sein und um immer wieder einmal einen Schlag auf den Kopf zu erhalten, der meine unrechtmässige Autorität bricht.

Hermano Pedro (vorne) und sein Team beim Einkaufen der Lebensmittelpakete

Aus Robins Fehler lernen

Als ich die grossräumige Wohnung einer Freundin betrete, spüre ich ein physisches Unwohlsein und ein emotionales Durcheinander. Bereits die Tatsache, dass sowohl Aussen- als auch Innenwände schön verputzt sind, zeugt davon, dass diese Familie zu den wohlhabenderen Bevölkerungsteilen gehört – ganz zu schweigen von all den dekorativen Souvenirs aus fernen Ländern. Obwohl sich während dem Essen spannende und amüsante Gespräche entwickeln, verspüre ich den inneren Drang, dieses Haus zu verlassen und zurückzukehren an den Ort, an dem ich mich Zuhause fühle: in die einfache, bodenständige Nachbarschaft von Pedro und Nataly. Als ich ein paar Stunden später im Bus sitze, entspannt sich mein Inneres mit jedem Meter, den wir uns vom Stadtzentrum entfernen.

Unter Menschen mit materiellen Nöten zu leben hat nicht nur meine Liebe zur Genügsamkeit, sondern auch meine Wut auf den Wohlstand genährt. Diese Wut speist sich zu Teilen aus Gesprächen mit meinen peruanischen Nachbarn, welche „Reichtum“ und „Korruption“ nahezu synonym verwenden und folglich ihre Armut im Wohlstand und der Machtgier der Oberschicht begründet sehen. Zudem macht es mich wütend zu erleben, wie sich viele für ihre einfachen Lebensbedingungen schämen und sich selbst deswegen geringachten.

Der Besuch bei der besagten Freundin war vor rund zwei Monaten. Mittlerweile wohnte ich selbst mehr als zwei Wochen in dem gut situierten Quartier, welches ich zuvor kaum ausgehalten hatte. Über Gespräche mit meinen dortigen Mitbewohnern habe ich die gegenüberliegende Perspektive auf das Wohlstandsgefälle kennengelernt: „Die Leute vom Stadtrand sind alle in den letzten Jahren aus der Provinz angereist. Niemand hat sie dazu gezwungen, sich hier niederzulassen! Wenn sie nicht in diesen Hüttchen leben wollen, müssen sie halt wieder zurück aufs Land!“ oder „Es ist doch einfach verantwortungslos, vier Kinder zu zeugen, wenn man sich kaum selbst ernähren kann“. In der aktuellen Lockdown Situation sehen manche sogar eine Umkehrung der Verhältnisse: „Wir müssen hier Mieten und Steuern bezahlen, obwohl wir momentan keinen Cent verdienen. Die Leute auf den Hügeln wohnen in ihren eigenen Hütten und sind steuerbefreit. Das einzige was sie zahlen müssen, ist das Essen.“

Die Coronakrise macht den Graben zwischen Arm und Reich nicht weniger breit: Von den Reichen wird erwartet, die Lücken in der nationalen Ökonomie zu schliessen und von den Armen wird erwartet, hinter geschlossenen Türen zu hungern. Umso mehr berührte mich der Moment, als meine Mitbewohner aus dem Stadtzentrum auf meine Freunde aus dem Armenviertel José Ugaz trafen:

Eine holprige Fahrt auf ungeteerten Wegen führt uns den staubigen Hügel empor. Auch wenn ich diese Strecke schon viele Male zurückgelegt habe, überrascht mich der Anblick, der sich mir nach der letzten Kurve eröffnet: Ein Meer von weissen Fahnen weht über den kleinen Hütten des Armenviertels. Um den zwischenmenschlichen Kontakt zu vermeiden, haben viele peruanische Nachbarschaften das Fahnensystem eingeführt: Rote Fahnen zeigen an, wenn in einem Haushalt jemand am Virus erkrankt ist; weisse Fahnen bezeugen, dass die Familie keine Lebensmittel mehr hat und dringend auf Hilfe angewiesen ist. Der Anblick dieser stillen Hilferufe lässt mich erschaudern. Wir haben 55 Pakete mit Nahrungsmitteln im Gepäck, doch auf diesem Hügel leben rund 20’000 Menschen!

Das Wiedersehen mit meinen Freunden ist ambivalent: Obwohl ihre Worte überschwängliche Freude ausdrücken, verraten ihre Augen, wie viele Sorgen sie mit sich herumtragen. Während wir die Pakete aushändigen, füllt sich der Horizont des Hügels mit Silhouetten von Nachbarn, die ebenfalls auf Unterstützung hoffen. Doch die Ladefläche des Pickups ist bereits leer.

„Wir sind euch und der Nachbarschaft von Miraflores unendlich dankbar für eure Hilfe!“, sagt eine Bewohnerin von José Ugaz. „Nach der Quarantäne müsst ihr uns mal besuchen kommen! Wir haben gehört, dass ihr köstlich kochen könnt!“, antwortet einer meiner Mitbewohner. Dieser kurze Wortwechsel lässt meine gedämpfte Hoffnung wieder aufflammen. Krisen können Gemeinschaften spalten, aber sie können auch Menschen zusammenführen. Neben dem Ziel, Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen, ist es deshalb genauso wichtig, zerteilte Gesellschaftsschichten zusammenzuführen und das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Robin Hood hilft den Armen, doch er tut den Reichen Unrecht an und versteht sie als Feinde. Was wäre wohl geschehen, wenn er angefangen hätte, Freundschaften zwischen Arm und Reich zu stärken? Wenn er den Graben zwischen den Schichten zugeschüttet hätte, statt ihn zu vertiefen? Eine vereinte Gesellschaft kann kämpfen – eine zerteilte Gesellschaft hat bereits verloren.

In geordneter Reihe warten sie auf die Pakete
Das Team von #MiraflorinosAyudan
Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten