Die Nebenwirkungen der Angst

Angst verlängert die Lebensdauer. Wer sich nie fürchtet, geht hohe Risiken ein und rennt früher oder später in den Tod. Es ist also empfehlenswert, sich ab und zu ein paar Tropfen Angst verabreichen zu lassen. Doch vor der Einnahme sollten wir uns gründlich über ihre Nebenwirkungen informieren.

Hier in Peru dominiert die Angst die öffentliche Kommunikation: die Fernsehprogramme kurbeln die Panik an, indem sie Schreckensnachrichten über das Virus verbreiten und die Social Media Plattformen sind überfüllt mit Videos von verzweifelten Ärztinnen, Eltern und Polizisten. Der Präsident schafft es zwar, in seinen Pressekonferenzen solide Hoffnung zu vermitteln, doch die Auswirkungen der Angst sind trotzdem täglich spürbar. Niemand geht mehr ins Spital, aus Angst, angesteckt zu werden. Viele junge Menschen sind nicht bereit, in Solidaritäts-Projekten mitzuhelfen, da sie um ihre Gesundheit fürchten. Der Fischkonsum ist erheblich gesunken, unter anderem weil ein Gerücht zirkuliert, dass im benachbarten Ecuador Menschen, die an Covid-19 gestorben sind, ins Meer geworfen werden.

Die heilsame Wirkung der Angst ist unbestritten: Türen bleiben geschlossen und Hände sauber. Doch auf die unerwünschten Nebenwirkungen der Angst gilt es zu reagieren. Deshalb hat der Pastor Pedro García einen Text verfasst, der ermutigt und herausfordert:

Wenn du dich aus Angst zurückziehst – lass dich von der Liebe anziehen

Krankheit ist beängstigend, sie verursacht Furcht und Schrecken. Sie verwandelt unsere Nächsten in eine Bedrohung. Deshalb entfernen wir uns von ihnen, halten Abstand und entscheiden aus freien Stücken, uns von ihnen zu isolieren.

Aber liebe Freunde: Lassen wir nicht zu, dass unsere Herzen isoliert werden, sich abwenden und abkapseln! Mögen unsere Herzen weiterhin praktische und aufopfernde Liebe durch unsere Adern pumpen. Wenn wir uns zurückziehen, ist es vielleicht nicht die Krankheit, die uns tötet, aber die Gleichgültigkeit wird es tun.

Dies sind Zeiten, in denen die Liebe stärker sein muss als die Angst. Diejenigen die fallen, die leiden, die Gewalt erfahren bieten uns die Möglichkeit, Gottes Liebe zu zeigen. Gerade jetzt dürfen wir unsere Menschlichkeit und Sensibilität nicht verlieren. Möge dein Herz sich nicht abschotten.

Gott hat uns dazu berufen, Nächste zu sein: Samaritaner, die eine Liebe ohne rassistische, wirtschaftliche oder soziale Barrieren anbieten. Lasst uns nach kreativen Wegen suchen, um zu helfen!

(Pedro García, Übersetzung: Anna Näf)

Es begeistert mich zu sehen, wie viele Menschen in unserem Quartier trotz Angst bereit sind, sich um die Nöte ihrer Nachbarn zu kümmern. Nataly und ich sind gestern von Haus zu Haus gegangen, um Unterstützung für eine Nachbarin zu erbitten, welche sich die nötige medizinische Hilfe für ihren Ehemann nicht leisten kann. Es hat mich berührt zu sehen, wie kleine Spenden von umgerechnet 1-2 CHF sich aufsummiert haben zu dem exakten Betrag, den sie braucht. Und das, obwohl im Moment jede Familie finanziell auf wackligen Beinen steht! Zudem sah ich jedes Mal, wenn wir bei der Nachbarin vorbeikamen, dass jemand vor ihrem Haus stand, um sie mit Lebensmitteln und aufmunternden Worten zu beschenken.

Es gibt viele berechtigte Gründe, sich in der aktuellen Situation zu fürchten. Doch wir haben auch viele Gründe um zu hoffen, zu helfen und liebevoll Heimat zu gestalten.

Die Augen im Sturm

„Aus dem Augenwinkel siehst du die Landebahn, doch dein Blick bleibt fixiert auf die Anzeigen im Cockpit. Langsam senkt sich das Flugzeug und auch wenn du meinst, es sei noch viel zu früh, gehorchst du dem Kommando aus dem Turm und leitest die Landung ein. Denn du weisst: Die eigenen Augen sind das Letzte, vorauf ein Pilot vertrauen darf.“ Einer meiner peruanischen AirBnb-Mitbewohner ist in der Ausbildung zum Piloten und nimmt uns gerne in seine Welt mit. Manchmal scheint mir diese Welt gar nicht so weit weg zu sein von unserem aktuellen Erleben: Wir fliegen durch eine dicke Nebelwand. Niemand weiss, was die nächsten Monate bringen werden. Alle warten gespannt, bis die Landebahn wieder in Sichtweite kommt und hoffen, bis dahin nicht zu tief zu sinken. Es fühlt sich an, als wären alle Geräte an Bord ausgefallen, der Kontakt zum Fluglotsen unterbrochen und das einzige was ich habe, sind meine eigenen Augen, denen ich zutiefst misstraue. Mit atemberaubender Geschwindigkeit rase ich durch die graue Ungewissheit.

Normalerweise haben wir in unserem Leben vertrauenswürdige Referenzpunkte, die wir in unsere Entscheidungen miteinbeziehen: glaubhafte Statistiken, langjährige Erfahrungen, wissenschaftliche Konsensmeinungen oder auch persönliche Vorbilder. Wir brauchen diese externen Stimmen, die unser eigenes, oft unzureichendes Urteilsvermögen ergänzen. Doch in einer historisch unvergleichbaren Krise wie dieser scheinen unsere Referenzpunkte genauso blind zu sein wie wir.

Als planungsfreudige Schweizerin, die nervös wird, wenn sie nicht weiss, wie ihr Leben in einem Jahr aussieht, müsste mich eine solche Ungewissheit eigentlich gründlich durchrütteln. Zugegeben – in einigen Momenten geschieht dies auch. Doch je mehr ich die Gemütslage meiner lateinamerikanischen Umwelt aufsauge, desto entspannter kann ich über die Zukunft nachdenken.

Natürlich lässt die Corona-Krise auch hier niemanden kalt und ich möchte keinesfalls die haarsträubenden Folgen kleinreden, unter denen die ärmeren Bevölkerungsteile leiden. Doch immer wieder bin ich überrascht von der pragmatischen Ruhe, mit der viele auf diese schwierige Situation reagieren. Einer meiner Mitbewohner führt eine Tourismus-Agentur, welche er wohl mindestens bis Ende Jahr auf Eis legen muss. Doch statt frustriert zur Flasche zu greifen, nimmt er das Telefon in die Hand und beginnt mit der Hilfe von Cousins, Freunden und Bekannten eine neue Geschäftsidee zu entwickeln. Der Tourismus war über Jahre hinweg sein Lebensinhalt und es gibt wohl nichts, das ihn so sehr begeistert wie das Reisen. Trotzdem betrübt es ihn kaum, dass er sich nun etwas Neues suchen muss. Ich glaube, dass dies auf mindestens zwei kulturelle Umstände zurückzuführen ist.

Erstens sind die Leute hierzulande unsichere Arbeitsplätze gewohnt. Viele sind temporär angestellt, beispielsweise als Putzhilfen, Bauleute oder im Verkauf. Nicht selten startet jemand ein eigenes kleines Geschäft, das gerade genug Gewinn abwirft, um zu überleben. Dem entsprechend zögern sie nicht, ihre Arbeit aufzugeben, sobald sie eine Möglichkeit für ein etwas höheres Einkommen sehen. Für viele ist es nichts Neues, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ständig Ausschau nach neuen Gelegenheiten zu halten und immer wieder einen völlig neuen Beruf auszuprobieren.

Zweitens hat Arbeit hier ein anderes Gewicht, als ich es aus meinem Schweizer Umfeld kenne. Dort ist die Arbeit die Bühne, auf der ich zeige, wer ich bin, indem ich meine Begabungen, meine Herzensanliegen und meine Ambitionen zum Ausdruck bringe. Hier ist die Arbeit lediglich dazu da, genug Essen auf den Tisch zu bringen. Wer ich bin, zeigt sich vielmehr daran, welche Menschen mit mir am Tisch sitzen und wie wir unser Miteinander gestalten. Auch wenn der Coronavirus für viele das Decken des Tisches erschwert und leider auch in manchen Familien Sitzplätze leer bleiben werden, so besteht ihre Lebensgrundlage trotzdem weiter: Die familiäre und nachbarschaftliche Gemeinschaft.

Ich weiss nicht, wann sich der Nebel lichten wird und erkenne nicht, was sich dahinter verbirgt. Aber ich weiss, wer mit mir unterwegs ist. Vielleicht ist es gerade jetzt, wo ich nicht weit vorausschauen kann, umso wichtiger, auf meine direkte Umgebung zu achten. Solange an meinem Lebenstisch viele liebe Menschen sitzen, mit denen ich Sorgen und Freuden teile, ist die Unsicherheit auszuhalten. Solange ich weiss, dass Gott ebenfalls mit uns zu Tisch sitzt, unsere Gemeinschaft zusammenhält und unsere Schritte begleitet, kann ich zuversichtlich in die Zukunft blicken, obwohl ich sie nicht sehe.

Der neblige Winter zieht langsam ein

Warum die Sintflut nichts nützt

Thanos schnippt mit dem Finger, die halbe Menschheit stirbt und die Utilitaristen jubeln. Als ich den Marvel-Film „Infinity War“ zum ersten mal sah, ließ mich die kaltblütige Scharfsinnigkeit des Bösewichts Thanos gleichzeitig erschaudern und mit dem Kopf nicken. Er befreit Planet um Planet von der Hälfte der Lebewesen und glaubt damit das Universum vor Ressourcenknappheit zu retten: „Kinder, die seither zur Welt kommen, kennen nur noch volle Bäuche und klare Himmel.“ Auch wenn Thanos unmissverständlich als das personalisierte Böse dargestellt wird, bin ich nicht die Einzige, die sich fragt, ob es wirklich so falsch ist, ein Gleichgewicht aus Ressourcen und Verbraucher herstellen zu wollen.
Diese Frage stellt sich zur Zeit ernsthafter als je zuvor. „Am besten hätten wir das Virus einfach wüten lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen“, sagt ein älterer, amerikanischer Herr, mit dem ich seit einer Woche im Quarantäne-Hotel sitze. Warum sollten wir nicht einfach die Alten und Schwachen sterben lassen, um dafür die Stabilität der Wirtschaft zu sichern und nebenbei die Probleme der Überbevölkerung und der Pensionskassen zu lösen?

Spielen wir Thanos‘ Plan mal durch: Welche Hälfte der Menschheit wäre denn idealerweise auszulöschen? Aus Sicht der Klimaschützer würde es wohl die größten Umweltverschmutzer und Ressourcenverbraucher treffen. Da stehen wir Schweizer wohl weit oben auf der Liste. Andererseits trägt die innovative Forschung aus Ländern mit großem Ressourcenverschleiss zu einer nachhaltigen und effizienten Nutzung der globalen Vorräte bei. Also doch besser die Unterschicht der Dritten Welt sterben lassen, welche kaum zu weltweitem Fortschritt beitragen? Oder eben: Wir lassen die natürliche Selektion ihren Job machen und setzen die Alten und körperlich Schwachen in die Todeszone. Auch wenn mir bei all diesen Gedanken eine säuerliche Flüssigkeit den Rachen hochkriecht, kann ich nicht verneinen, dass jene eine gewisse Gültigkeit besitzen. Ein paar Gründe halten mich jedoch davon ab, auf Thanos‘ Seite zu wechseln.

Erstens haben unsere Probleme weniger mit der Anzahl Menschen als mit deren Verhalten zu tun. Es nützt nichts, die halbe Menschheit zu eliminieren, wenn die Übriggebliebenen genauso verantwortungslos weiterwirtschaften wie zuvor. Nach der Sintflut ist vor der Sintflut. Natürlich hält die Erde keine unbegrenzte Anzahl Lebewesen aus, doch wo die Obergrenze liegt, wird maßgeblich davon mitbestimmt, was wir tun. Setzen wir uns auf einen Berg voller Vorräte, der langsam von Insekten und Inflation zerfressen wird? Setzen wir unsere Kraft dafür ein, von der Unterhaltungsindustrie betäubt zu werden? Setzt unsere Dankbarkeit dann ein, wenn wir etwas haben, oder erst, wenn wir etwas mehr haben? Bevor wir die Bevölkerung dezimieren, sollten wir unsere Gewohnheiten analysieren.

Aber die Aussage meines amerikanischen Mitinsassen geht noch in eine andere Richtung: Sollte nicht das Gesamtwohl dem Leben der schwächsten Glieder vorgezogen werden? Anstelle eines theoretischen Plädoyers für den Wert jedes noch so unproduktiven Lebens, möchte ich euch jetzt von meinem Herz für hoffnungslose Fälle erzählen.
Noé* sitzt mit Kopfhörer im Ohr vor unserem Haus. Er träumt viel: vom Erfolg als DJ, vom perfekten Mädchen, von einem anderen Leben. Weder das verzweifelte Schimpfen seiner Mutter noch die Drohungen seines Vaters können ihn aufwecken. Der 15 – Jährige geht schon seit vier Jahren nicht mehr zur Schule und lässt sich stattdessen von Musik und Freunden in eine andere Welt entführen. „Er ist ein hoffnungsloser Fall“, sagt Nataly. „Wir haben schon alles versucht“, fügt Leo kopfschüttelnd hinzu. „Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll“, sagt seine Mutter unter Tränen. Es gäbe viele Kids im Quartier, die meine Unterstützung mit offenen Armen empfangen würden und deren Fortschritte wohl weniger Energie kosten würden. Doch mein Herz zieht es zu diesem Jungen, den alle aufgegeben haben. Statt ihn aus seiner Welt zu reissen, versuche ich in diese einzutauchen, indem wir gemeinsam singen, tanzen, Liedtexte auswendig lernen und zwischendurch Lesen und Schreiben üben. Es ist anstrengend, trotz seiner schwankenden Motivation einen konstanten Fortschritt anzustreben. Rational gesehen ergibt es auch wenig Sinn, so viel Energie in jemanden zu investieren, der kaum Dankbarkeit zeigt und sich nicht um das Wohl der Gemeinschaft kümmert. Doch ich spüre einfach, dass es richtig ist, ihn nicht alleine zu lassen.

Niemand sollte allein gelassen werden – egal wie unproduktiv sein Leben oder wie kostspielig der Erhalt ihres Atems ist. Jesus erzählte einst von einem guten Hirten, der das Wohl von 99 Schafen zurückstellt, um dieses eine Schaf zu suchen, das sich verlaufen hat. Dabei war es ja noch selbst schuld! Warum ist es trotz Ausgangssperre auf die Straße gegangen, wenn es doch zur Risikogruppe gehört?! Ich glaube wir sollten es diesem Hirten gleich tun, die hoffnungslosen, unproduktiven Fälle sehen und uns ihnen annehmen, auch wenn es uns als Gemeinschaft etwas kostet. Denn eine Gemeinschaft, die den Wert eines Menschen nur an dessen Produktivität misst, zahlt einen viel zu hohen Preis.

*Name geändert

Auch Individualisten sind ansteckend

Wenn ich auf Reisen bin, schlägt mein freiheitsliebendes Individualisten-Herz höher: Ungebunden und ohne Verantwortung tun, was der Körper aushält und der Geldbeutel erlaubt. Nach einer dreitägigen Machupicchu-Tour liege ich jetzt in einer Hängematte im peruanischen Dschungel und freue mich über die Schönheit dieses Landes. Doch der Genuss steht auf wackligen Beinen. Neben den Mücken beißt mich nämlich noch etwas anderes: mein Gewissen. Ich denke an meine Freunde in Lima: an José und seine zwei Söhne, die sich zu dritt ein Bett teilen müssen oder an Marleny, die gar nicht erst die Augen schließen kann, weil sie sich als Einzige um ihren kranken Neffen kümmert. Während diese zwei um Schlaf ringen, jage ich dem Duft nach Abenteuer und Genuss nach und lasse dabei eine Menge Geld liegen, welches sie gut gebrauchen könnten.
Wie so oft in den letzten Wochen, entwickelt sich in meinem Kopf ein Gespräch zwischen der schweizerischen und der peruanischen Anna. „Es ist nicht deine Pflicht, ihnen zu helfen. Du hast schließlich das Recht, dein Leben auszukosten.“
In der Schweiz gesteht man sich mit relativer Selbstverständlichkeit das Recht zu, zuerst um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse besorgt zu sein. „Wenn dann noch etwas übrig bleibt, spende ich das gerne, doch eine Pflicht ist das nicht.“
Ein paar Breitengrade weiter westlich erscheint mir das Reden von „Rechten“ und „Pflichten“ aber irgendwie fehl am Platz. Diese Kategorien dienen dazu, isolierte Individuen miteinander zu verbinden. Das peruanische Lebensgefühl erinnert aber weniger an zu überbrückende Inseln, als an einen Körper, dessen Gliedmaßen alle an demselben Nervenstrang hängen: Dein Schmerz ist mein Schmerz. Am engsten verbunden ist man mit der Familie, doch darüber hinaus besteht auch ein starkes Bewusstsein für die Bedürfnisse der Nachbarn und der ganzen Quartiersgemeinschaft. Eine solche Gemeinschaft ist ein zusammenhängender Organismus, in welchem nicht miteinander gehandelt, sondern mitgefühlt und mitgejubelt wird. Insofern ist auch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft das, was hier das Selbstbewusstsein aufbaut. Während ich alleine durch die Stadt fahre und alleine einen Hausbesuch mache, um mich stark und unabhängig zu fühlen, verleiht es meinen peruanischen Freunden Kraft, wenn sie Unterstützung durch ihre Gemeinschaft erfahren.

Natürlich bergen solche engen Gemeinschaften Gefahren: sozialer Druck kontrolliert das individuelle Verhalten und gemischt mit einer starke Obrigkeitsgläubigkeit liegt Machtmissbrauch nicht fern. Doch ich frage mich: Könnte es nicht sein, dass wir durch unsere Angst vor paternalistischen Eingriffen einerseits die Schönheit von tragenden Gemeinschaften verpassen und andererseits unsere Verantwortung innerhalb derselben vernachlässigen?
Die Schönheit sehe ich, wenn Bernardina ohne Hemmungen und unter Tränen von ihren Schwierigkeiten erzählt und Hilfe annimmt; wenn Hector trotz eigener Ressourcenknappheit kostenlos Luisas Hüttenboden betoniert; und wenn ich merke, dass mein Tagesablauf nicht mit Terminen, sondern mit Begegnungen gefüllt ist.
Gleichzeitig tragen wir Verantwortung innerhalb unserer Gemeinschaft – ob wir dies wollen oder nicht. In der aktuellen Pandemie-Krise ist es nicht zu übersehen, dass wir eben keine isolierten Inseln sind, sondern jedes individuelle Verhalten Auswirkungen auf die Gemeinschaft hat. Neben dem was wir aushusten, ist auch das ansteckend, was wir ausdenken, aussprechen und ausführen – und zwar nicht nur zu Zeiten des Corona-Virus. Wir sind immer Teil von lokalen und globalen Organismen, weshalb es selbstverständlich sein sollte, dass dein Problem auch mein Problem ist.

Doch was mache ich nun mit meinem Hängematten-Problem? Genauso wie die steigende Sonne gerade die Schatten der Bäume verdrängt, wird mein schlechtes Gewissen durch ein stärkeres Gefühl vertrieben: Liebe. Der Gedanke an meine Freunde hat zuerst geschmerzt, doch nun freue ich mich, weil ich das Erlebte mit ihnen teilen kann. Ich gehöre zu ihrer Gemeinschaft, unabhängig davon, was ich ihnen gebe. Ja, ich will meine Verantwortung in der materiellen Unterstützung wahrnehmen und möchte diese zukünftig steigern, aber unsere Freundschaft zeichnet sich nicht in erster Linie durch volle Hände aus, sondern durch volle Herzen. Mit diesem Bewusstsein kann ich meine Entdeckungsreise geniessen, während ein Teil meines Herzens weiterhin in Lima ist.

Eindrücke aus dem Projekt

Meine Highlights sind definitiv die wöchentlichen Hausbesuche. Dort wird spürbar, wie Casa de Dios zu einer Veränderung von Einzelpersonen und Familien beiträgt, so dass aus einer Hütte mehr und mehr ein Zuhause wird.

„Ihr seid die einzige Familie, die ich habe“, sagte Bernardina kürzlich zu Pedro

Bernardinas Ehemann hatte vor einem Jahr einen Schlaganfall und ist seither gelähmt. Ihre 16 jährige Tochter kümmert sich um ihn, während Bernardina von früh morgens bis spät abends arbeitet, um einigermassen überleben zu können. Es gäbe die Möglichkeit, staatliche Unterstützung anzufordern. Doch Bernardina hat weder Zeit, Energie noch die nötigen Kenntnisse, um die aufwändigen administrativen Abklärungen zu unternehmen. Pedro hat nun nach einem sechsmonatigen Prozess erreicht, dass Bernardinas Ehemann eine IV-Rente erhält. Die regelmässigen Besuche, bei denen sie uns ihr Herz ausschüttet, sind für Bernardina aber fast noch wichtiger als die finanzielle Unterstützung.

Teamsitzung in meinem Schlafzimmer
Pedro (rechts), Celia (mitte), Nataly und ich sind das Team von Casa de Dios

Aktuell steht die Entscheidung an, welche Familien wir mit einer Aufbesserung ihrer Hütte unterstützen. Es ist schon schwer genug, die einzelnen Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen. Dazu kommt, dass ich oft anders denke und kommuniziere als meine peruanischen Teamkollegen, was manchmal zu Missverständnissen und Spannungen führt. Während sie beispielsweise ihr Urteil in der Stabilität der familiären Beziehungen gründen, wäge ich vor allem die aktuellen materiellen Bedürfnisse ab. Es scheint aber, als könnten wir uns langsam einigen.

Als wir der ersten Familie von dem geplanten Umbau an ihrer Hütte erzählten, sagte die Mutter: „Natürlich freue ich mich, dass ihr an uns denkt. Aber warum nutzen wir nicht dieses Geld, um eine Hütte zu bauen, in welcher wir uns als Kirche treffen können?“ Es haut mich um, zu sehen, dass diesen Menschen ihr Glaube so viel bedeutet, dass sie trotz ihrer eigenen Bedürftigkeit zuerst an die Bedürfnisse der Kirche denken.

Ich weiss nicht, wer es leichter hat: Die älteren oder die jüngeren Geschwister. Die Grossen müssen meist auf die Kleinen aufpassen, da die Eltern arbeiten oder sich nicht um die Kinder kümmern. Da eine 11 Jährige aber verständlicherweise überfordert ist mit der Erziehung ihres kleinen Bruders, werden die jüngeren Geschwister nicht selten geschlagen und beschimpft. Vor kurzem habe ich eine Teenie-Mädels-Gruppe begonnen, um ihren persönlichen Sorgen und Träumen Raum zu geben.

Limas soziale Schichten einfach erklärt

Der gefühllose Gott

„Von einer Million Punkte gebe ich Gott genau einen“, sagte mein Mitbewohner Leo, als er mir erzählte, weshalb er mit dem christlichen Glauben nichts mehr anfangen kann. „Wenn ich einen Christen antreffe, nehme ich oft mein Handy hervor und zeige ihm ein Video von drei jungen Menschen, die sich bei ihrem grausamen Handeln filmen: Sie überfallen einen Typen, schneiden ihm die Kehle auf und während seinem langsamen Verenden trennen sie Gliedmass um Gliedmass von seinem Körper ab. Während man im Hintergrund ihr hämisches Lachen hört, frage ich mein Gegenüber: ‚Sag mir: Wo war dein Gott in diesem Moment?!'“

Wenn Gott jeden Menschen liebt und sich um uns kümmert wie ein Vater: Warum verhindert er ein solches Geschehen nicht? Wenn zwei Kinder miteinander streiten und das eine gewalttätig wird, dann greift jedes vernünftige Elternteil ein und sieht nicht einfach zu, wie sich ihre Kinder gegenseitig verletzen. Ich kann gut nachvollziehen, weshalb Leo schlussfolgert: „Wenn es Gott gibt, dann ist er ein verdammt schlechter Vater.“

Die Frage, weshalb Gott eine so leidvolle Welt zulässt, ist die Urgrossmutter aller theologischen Fragen. Ich habe an dieser Frage wohl schon öfter rumgekaut als an allen Hühnerknochen, die mir in den vergangenen Wochen serviert wurden. Doch in diesem Gespräch mit Leo traf mich seine berechtigte Wut und Verständnislosigkeit mit einer neuen Wucht. Wenn ich mir vorstelle, wie Gott in einem so grausamen Geschehen passiv daneben sitzt und es ihn kalt lässt, dann hat er die Anrede „Vater“ nicht verdient.

Es geht mir nicht darum, ob Gott in seinem umfassenden Verständnis der Komplexität dieser Welt einen Grund hat, eine leidvolle Welt auszuhalten. Sondern ich frage mich: Was fühlt er wohl, wenn er Zeuge eines solchen Geschehens wird? Zieht sich auch bei ihm sein Innerstes zusammen, so dass ihm speiübel wird und mit geballten Fäusten und Tränen in den Augen sein einziger Wunsch darin besteht, dass diese Grausamkeit sofort aufhört? Oder sagt er sich: „Ihr Menschen seid selber schuld an eurer Brutalität und Verzweiflung. Hättet ihr doch auf  mich gehört, dann würde eure Welt jetzt nicht so aussehen. Da seht ihr nun, wie sehr ihr mich braucht.“

Wie fühlt sich Gott, wenn er die Einsamkeit des achtjährigen Esmid sieht, der sich alleine um seine jüngeren Geschwister kümmert, wenn er der erschöpfte Bernardina in die Augen schaut, die um das Überleben der Familie kämpft und wenn er versteht, weshalb Kriminalität und Brutalität manchen als einzige Lösung erscheint?

In der Bibel zeigt Gott verschiedene Reaktionen auf das Leiden und die Nöte der Menschen. An Stellen wie der Sintflut erscheint mir Gott als utilitaristischer Weltenlenker, welcher den Schmerz Einzelner in Kauf nimmt, um im Gesamtverlauf der Geschichte etwas Gutes zu bewirken. Ich ringe damit, diese Seite in mein Gottesbild zu integrieren, da sie mir kalt und distanziert erscheint. Gleichzeitig sehe ich in der Bibel von Anfang bis Ende einen Gott, welcher sich der Verzweiflung Einzelner annimmt und sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt. Von Jesus heisst es sogar, es habe ihm vor Mitgefühl die Eingeweide zusammengezogen, als er die Hilflosigkeit der Menschen sah (Markus 6,34). Ist Gott nun ein unbewegter Herrscher oder ein mitfühlender Bruder?

Hier in Peru weine ich oft. Doch das liegt nicht nur an der Gewalt und Armut, die ich beobachte. Vielmehr berührt es mich zu sehen, dass diese nicht das letzte Wort haben: Nataly behält trotz vergangenen Misshandlungen ein weiches Herz; Pedro führt ein geradliniges Leben, obwohl er schon in den Kinderschuhen auf der schiefen Bahn lief; Pati schafft trotz ihrer Jugend als heimatloses Strassenkind ein liebevolles Zuhause für ihre Familie. Und sie alle sagen: „Wenn nicht Gott mein Herz verändert hätte, würde ich heute nicht hier stehen.“

Gott schafft nicht immer paradiesischen Zustände. Aber er lässt auch in den trockensten Wüsten etwas aufblühen. Dies zeigt mir, dass er unserem Leiden nicht gefühllos zuschaut: Es bewegt ihn. Oft wünschte ich mir, er würde sich schon bewegen bevor Schmerz und Ungerechtigkeit geschehen. Doch wenn ich sehe, dass er leidende Herzen verändert, weiss ich immerhin: Es lässt ihn nicht kalt. Auf Leos Frage: „Wo war dein Gott in diesem Moment?“, kann ich deshalb nur antworten: Jetzt ist er hier und möchte das Zerbrochene heilen.

Wenn Freude weh tut

In Peru habe ich gelernt, Geburtstage zu feiern. Nicht nur, weil die Spiele verrückter sind als bei uns im Jugendraum und ich schon alleine beim Anschauen der Torten Zahnschmerzen kriege, sondern vor allem, weil es mich berührt, wie viel Bedeutung ein Geburtstagsfest haben kann.

Antonio* wohnt in unserem Quartier und ist oft bei Nataly und Pedro zu Hause. Heute ist sein 16. Geburtstag. Doch es ist kein schöner Tag. Die Eltern streiten sich mal wieder, die Mutter packt ihre Sachen und verlässt das Haus. Für Antonio ist es einfach ein weiterer Tag, an dem er alleine den Haushalt schmeisst.

Er weiss nicht, dass Nataly und ich spontan mit seinem bestem Freund zusammen eine kleine Überraschungs-Party auf die Beine gestellt haben. Da es einiges zu organisieren gab, wird es spät abends bis das Fest losgeht. Seine Freunde begleiten den nichts ahnenden Antonio zu Natalys Haus, wo wir ihn mit dem obligaten Überraschungsruf empfangen. Als Antonio begreift, was los ist, beginnt er vor Freude zu weinen. In dem Moment zieht sich mein Herz so fest zusammen, dass auch ich die Tränen nicht mehr zurückhalten kann.

Als Ältester von drei Brüdern musste Antonio schon früh die Verantwortung für Haushalt und Erziehung übernehmen. Die Eltern arbeiten den ganzen Tag und sind abends oft mit Freunden unterwegs. Antonio kocht, putzt und kümmert sich liebevoll um seinen jüngsten Bruder (und nebenbei auch um alle anderen Kinder im Quartier). Vergangenes Jahr hat Antonio die Schule abgeschlossen. Sein Traum ist es, Medizin zu studieren: „Ich möchte damit anderen Menschen helfen.“ Doch den Eltern fehlt neben den Finanzen auch ein Verständnis für die Wichtigkeit von Bildung. „Die Bildungsinstitutionen sind eine reine Maffia und wollen nur unser Geld. Wenn Antonio studieren will, muss er sich das Geld selbst erarbeiten“, sagt sein Vater.

Trotz all den Schwierigkeiten hat Antonio immer ein Lächeln im Gesicht und einen Spruch auf den Lippen. Ausser heute – heute weint er. Seine Tränen zeigen mir zum ersten Mal, wie sehr dieser Junge unterstützende Arme und liebevolle Augen benötigt. Diese findet er im Hause García. Ich bin dafür genauso dankbar wie Antonios bester Freund, der am Ende des Festes sagte: „Jetzt weiss ich, dass Antonio nicht allein ist. Er hat hier eine Familie, die sich um ihn kümmert.“

Seit meinem letzten Kindergeburtstagsfest hat für mich das Feiern dieses Tages an Wert verloren. Geboren zu werden ist in den meisten Fällen keine Leistung, zu der man gratulieren kann. Weshalb also sollten wir dafür ein Fest veranstalten? An Antonios Geburtstag haben wir nicht nur gefeiert, dass er existiert, sondern dass sein Leben etwas bedeutet. Er ist wertvoll in den Augen aller, die mitfeiern. Und er bleibt auch dann wertvoll, falls eines Tages diese Augen verschwinden. Denn Gottes liebender Blick wird sich nie von ihm abwenden.

*Name geändert

Müll wählen verboten

Die Hölle findest du, wenn du bei jeder Weggabelung den Pfad des Misstrauens wählst. Wer es nicht schafft, anderen zu vertrauen, wird Beziehungs-immun und Hilfe-resistent. Vertrauen bildet die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Doch der Weg des Vertrauens ist steinig.

Am kommenden Sonntag finden in Peru ausserordentliche Parlaments-Neuwahlen statt. Der Präsident hat das alte Parlament aufgrund von fehlendem Vertrauen aufgelöst. Vielen Peruanern ist aber trotz Neuwahlen bereits jegliches Vertrauen in die Politik abhandengekommen: „Wozu soll ich wählen gehen, wenn sowieso alle Parteien korrupt sind?“, fragte sich neulich meine Nachbarin.

Auch in einzelnen Lebensgeschichten begegne ich immer wieder der Frage: „Wie kann ich jemals wieder jemandem vertrauen?“. Ein junger Mann wird von seiner Frau ohne Vorwarnung aus dem Haus geschickt und muss jetzt dafür kämpfen, seine zwei Kinder wenigstens ab und zu sehen zu dürfen. Eine junge, schwangere Frau muss plötzlich alleine für ihre Kinder sorgen, nachdem ihr Mann den ständigen Kampf ums Überleben nicht mehr ausgehalten und sie verlassen hat. Nach solchen Enttäuschungen wieder jemandem ganz zu vertrauen, scheint viel verlangt zu sein.

Manchmal ist Misstrauen nicht nur emotional nachvollziehbar, sondern auch rational verlangt. Ich traue keinem Strassenköter über den Weg, ohne einen Stein wurfbereit in der Hand zu halten. Im ruckeligen Kleinbus wickle ich meinen Rucksackriemen fest um mein Handgelenk. Vertrauen kann sich schnell als Dummheit entpuppen. Oder sind am Ende Vertrauen und Einfältigkeit immer nichts weiter als verschiedene Perspektiven auf dasselbe Geschehen?

Falsch geschrieben aber wahr: „Müll wählen verboten“, votar = wählen, botar = wegwerfen

Bei meinem ersten Besuch in Peru wurde mein Vertrauen einige Male enttäuscht: Gute Freunde verbargen ihre zwielichtige Vergangenheit vor mir, andere suchten meine Freundschaft nur deshalb, weil ich Europäerin bin. Doch ich habe mich entschieden, diesen Menschen trotzdem wieder zu vertrauen. Vertrauen bedeutet nicht, gedankenlos alles anzunehmen, was sie sagen. Sondern es bedeutet hinter ihren Fehlern eine Person zu sehen, deren Freundschaft sich lohnt. Die Wahl zwischen Misstrauen und Vertrauen ist die Wahl zwischen einem harten und einem weichen Herzen. Ein hartes Herz schützt vor Verletzung und Schmerz. Aber ich glaube es lohnt sich, Schmerz in Kauf zu nehmen, um ein weiches Herz zu bewahren.

Nataly und Pedro sind für mich grosse Vorbilder was Vertrauen angeht. Bei der Schwangerschaft ihrer beiden Kinder sagten die Ärzte jeweils, dass es entweder Nataly oder das Kind nicht überleben würden und sie empfohlen ihnen eine Abtreibung. Doch als sie beteten, gewannen sie das Vertrauen, dass Gott Kind und Mutter schützen würde und entschieden sich gegen eine Abtreibung. Auch wenn es beide Male ein Überlebenskampf war, ist die vierköpfige Familie jetzt gesund und munter und ein Zeichen dafür, dass sich das Vertrauen gelohnt hat.

Auch jetzt in ihrer Arbeit mit „Casa de Dios“ ist jeder Tag ein Schritt des Vertrauens. Denn eigentlich haben sie nichts: keine Lokalität, keinen Arbeitsgeber, keine regelmässige Unterstützung von aussen. Doch Pedro sagt: „Ich sehe, wie unsere Arbeit die Leben dieser Menschen verändert und weiss deshalb, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gott wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen.“

Manche würden wohl sagen, solch ein blindes Vertrauen ist dumm. Doch ihr Vertrauen erscheint mir vielmehr begründet als blind. Es gründet darin, dass sie erlebt haben, wie Gott ihr Leben verändert hat. Wenn also dieser Gott sie zu einer Aufgabe berufen hat, können sie vertrauen, dass ihr ihnen auch hilft, diese Aufgabe zu erfüllen. Sie vertrauen ihm, weil sie ihn kennen.

Die Hügel haben Fenster

Obwohl Lima sich im Wüstenklima befindet, wächst die Stadt stetig weiter die kargen Hügel empor. Auch wenn dort kaum Pflanzen gedeihen, kommen monatlich zusätzliche Leute an, um sich eine neue Heimat zu pflanzen. Das Quartier José Úgaz, in welchem Casa de Dios stattfindet, ist einer dieser Hügel am äussersten Stadtrand. Bei meinem ersten Besuch berührt es mich einerseits zu sehen, mit wie viel Freude die Kinder miteinander spielen und wie herzlich der Umgang unter den Nachbarn ist. Gleichzeitig fällt es mir schwer, zwischen den auseinanderfallenden Holzhütten und den sorgenvollen Gesichtern einen Hoffnungsschimmer zu entdecken. Wer in der Armutsspirale gefangen ist, entflieht dieser nicht so schnell.

Doch da erinnere ich mich an das, was mir ein Freund bei meiner Ankunft vor einer Woche gesagt hat. Er lebt in einem Quartier, welches umgeben ist von Hügeln wie jener von José Úgaz. Ich fragte ihn, was sich seit meinem letzten Besuch vor sechs Jahren verändert habe.  Er antwortete: „Die Hügel haben jetzt Fenster“.

Es ist keine grosse Veränderung. Noch immer sind es Holzhütten mit Wellblech-Dächern und ohne Wasser. Doch sie haben jetzt Fenster. Die Fenster zeugen von kleinen Fortschritten und geben Hoffnung, dass auch in José Úgaz eine Veränderung möglich ist.

Durch Casa de Dios waren in den letzten Monaten schon einige kleine Schritte möglich: Ein Familienvater, welcher an den schweren Folgen eines Schlaganfalls leidet, wird in medizinischen und versicherungstechnischen Belangen unterstütz, 50 Kinder erhalten Schulmaterial und Kleidung und aufgrund einer Lebensmittelspende können die Familien ein schönes Weihnachtsfest feiern. Zudem treffen sich wöchentlich 10-15 Erwachsene und 40 Kinder um gemeinsam zu beten, zu singen und mehr über den christlichen Glauben zu hören. Eine Frau ist auf einmal bereit, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen und ein Mann taucht aus seiner Verzweiflung auf und schöpft neue Hoffnung. So kann man auch hier sagen: Die Hügel haben Fenster.

Adiós Privatsphäre

Menschsein bedeutet, sich durch Begegnungen verändern zu lassen. Wir sind soziale Wesen, zur Interaktion geboren und aus ihr heraus immer wieder neu entstehend. Dies unterscheidet uns von Maschinen: Wenn du zehn Rasenmäher in einen Raum stellst und nach zwei Stunden wieder kommst, werden sie sich nicht verändern. Stellst du zehn Menschen in einen Raum, wird schon allein durch die Präsenz der anderen keiner mehr gleich sein wie zuvor.

Und doch – als höfliche, konfliktscheue Schweizerin komme ich mir hier in Peru manchmal eher so vor wie ein Rasenmäher: Mein Gefühlsleben tritt selten nach aussen und ich sage niemandem, wie er oder sie zu leben hat. Ich wahre Distanz und nenne dies „Privatsphäre“.

Das Leben in einem Häuschen, das von Kleinkind bis Urgrossmutter bewohnt und vom halben Quartier besucht wird, bringt mein Konzept von Privatsphäre etwas durcheinander. Benötigt ein Zuhause überhaupt Privatheit? Ist Heimat nicht vielmehr dort, wo sich jemand für die Tiefe meines Herzens interessiert und ehrlich darauf reagiert? Fühle ich mich nicht gerade dann zuhause, wenn es keinen Grund gibt, mich zurückzuziehen? Wenn Menschsein in Begegnung entsteht, wird dies dann nicht zu oft durch die dicken Mauern der Privatsphäre verhindert?

Nataly, die Herrin des Hauses, schafft es auf beeindruckende Art und Weise ein Zuhause zu gestalten. Wenn sie ein Verhalten nicht gut findet, hält sie sowohl ihre Worte als auch ihre ausgestreckten Arme nicht zurück. Mit ihren liebevollen Augen geht sie dem Herzen des Gegenübers auf den Grund und zieht dabei die Ehrlichkeit der Schmerzlosigkeit vor.

Als eines von zehn Kindern kam sie mit 8 Jahren nach Lima, wo sie von ihrem Onkel grossgezogen wurde. Als einzige Frau im Haus hat sie bald gelernt, ihre Gefühle für sich zu behalten und sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Die Kämpfe des Lebens haben ihr Herz geöffnet, so dass sie jetzt mit ganzer Kraft für ihre Bedürfnisse und die Nöte anderer einsteht. Dies tut sie nicht zuletzt, weil sie immer wieder erlebt hat, dass Gott ihre eigenen Gefühle und Nöte ernst nimmt und ihr die Verantwortung überträgt, sich auch um andere zu kümmern.

Begegnungen verändern – doch meist erst dann, wenn liebevolle Augen meine Privatsphäre überwinden und ich ihnen freie Sicht auf mein Herz gewähre.

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