Auf einer Skala von „fromm“ bis „hilfsbereit“ – wie christlich bist du?

Ein Label ist ein Versprechen. „IKEA“ verspricht einen Haushaltsgegenstand, der genauso angenehm ist für das Auge wie für das Portemonnaie. „Apple“ verspricht mein Leben – oder mein Handy, oder beides – effizienter, schöner und benutzerfreundlicher zu machen.

In meinen 25 Lebensjahren habe ich viele Menschen kennengelernt, die genau zu wissen scheinen, was sich hinter dem Label „Christ“ verbirgt – sowohl Menschen, die sich selbst davon abgrenzen als auch solche, die andere davon abgrenzen. Manche verstehen sich als Christen, weil sie hilfsbereit sind, andere lehnen das Christentum ab, weil sie selbst nicht fromm sind. Während dem Theologiestudium habe ich dann gelernt, dieses Label vollständig zu entleeren und jeweils meinem Gegenüber zu erlauben, es beliebig mit den eigenen Vorstellungen zu füllen. „Ein Christ ist, wer sich als Christ bezeichnet“ – ausser natürlich, diese Person hält sich nicht an meine ethischen Grundsätzen, dann ist sie nicht christlich, sondern heuchlerisch oder evangelikal.

Nachdem ich nun sechs Monate mit Menschen unterwegs war, die sich ebenfalls als „Christen“ bezeichnen, dies aber ganz anders ausleben und ausdrücken als ich, wage ich es erneut, die Frage zu stellen: Was verbirgt sich eigentlich hinter dem Label „Christ/Christin“?

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich viele Geschichten gehört und Gesichter gelesen. Eine junge Frau kostet nach ihrer Scheidung die neu gewonnene Freiheit aus, und merkte bald darauf, dass sie sich nicht frei, sondern leer fühlt. „Während mehreren Wochen ging es mir richtig schlecht. Nichts half mir. Nicht einmal ein Gespräch mit meiner Mutter – obwohl das sonst immer hilft! Meine Mutter meinte, ich solle beten. Nach längerem Zögern tat ich das dann auch. Und ich kann es nicht erklären, aber ab dem Moment war die Leere gefüllt mit einem tiefen Frieden“, welcher wohl auch jetzt, beim Erinnern dieses Moments, für das Glitzern in ihren Augen sorgt.

Ein junger Mann sitzt während des Lockdowns in seiner Wohnung. Er schaut auf die Strasse, sieht all die geparkten Autos und denkt: „Was mich vorher so fasziniert hat, ist plötzlich wertlos geworden. Mein Auto steht still. Bei meiner Kleidung ist nur noch wichtig, dass sie wärmt, nicht mehr, wie sie wirkt.“ Er ist gezwungen, mehr Zeit mit sich selbst als mit seinem Besitz zu verbringen und denkt sich: „Vielleicht ist es wichtiger, wer ich bin, als was ich habe.“ So macht er sich auf eine spirituelle Suche, die im Wunsch mündet, in der Liebe zu Gott und zu den Menschen zu wachsen, auch wenn dies bedeuten kann, dass sein Besitz schrumpft.

Wenn mir Menschen erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass sie sich heute als „Christen“ bezeichnen, spüre ich, dass unser Herz im gleichen Takt schlägt. Doch von denselben Menschen höre ich auch Aussagen, die ich selbst nie so formulieren oder denen ich sogar widersprechen würde: „Alles, was geschieht, ist von Gott so gewollt“, „Liebe ist nur dann echt, wenn du sie von Gottes Liebe kanalisieren lässt“ oder „Ich bin ein Kind Gottes – Covid19 kann mir also nichts anhaben“. Wenn eine leidvolle Erfahrung mal nicht dem Teufel zugeschrieben wird, dann wird Gottes Aufmerksamkeits-Bedürfnis dafür verantwortlich gemacht. Wenn ich dies beobachte, zögere ich, mich demselben Label zuzuordnen, zu welchem sich auch mein Gegenüber zählt.

Aber es gibt zwei Gründe, die mich dazu bringen, uns trotzdem weiterhin in denselben Topf zu werfen. Erstens hat mich manches anfänglich befremdet, dann aber auch fasziniert und schon bald habe ich gehört, wie ich es selbst gesagt habe. Andere Lebensumstände, Gesellschaftsordnungen und Lebensweisen erfordern auch eine andere Theologie. Ich möchte mich damit nicht einem allgemeinen Kulturrelativismus anschliessen, sondern diesem Gott nachfolgen, der eingetaucht ist in eine ganz bestimmte Kultur, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, der ihre Sitten aufgenommen hat und dabei trotzdem seine Göttlichkeit nicht verlor. Vielleicht hat sich gerade dadurch, dass er kulturelle Eigenheiten aufgenommen hat, seine Göttlichkeit gezeigt. Ich glaube, dass es ein Ausdruck von Gottes Wesen ist, dass man keiner bestimmten Kultur angehören muss, um ihm nachfolgen zu können, sondern dass er uns in unserer jeweiligen Lebensweise begegnet. Jesus hat die jüdische Kultur angenommen, und sie gleichzeitig stark herausgefordert. So scheint es auch der schweizerischen und der peruanischen Kultur zu ergehen, wenn sie mit dem Göttlichen in Berührung kommen.

Zweitens spüre ich, wenn ich diesen Geschichten zuhöre, dass es derselbe Gott ist, der auch meine Geschichte geformt hat. Ich wage es deshalb, das Label „Christenmensch“ zu füllen, indem ich die beobachteten Gemeinsamkeiten zusammenfasse: Jeder von uns Christinnen und Christen ist einmal an den Punkt gekommen, an dem wir gemerkt haben, dass das, wonach wir suchen, nicht das ist, wonach wir uns eigentlich sehnen. Gleichzeitig wurde uns klar, dass derjenige, nach dem wir uns sehnen, uns bereits gefunden hat.

(Für Widersprüche, Zusprüche und andere Sprüche hinterlasst gerne Kommentare.)

2 Kommentare zu „Auf einer Skala von „fromm“ bis „hilfsbereit“ – wie christlich bist du?

  1. Hi 🤩

    Sehr spannend und erfreuend gsi zum lese!

    Bi dem Thema chunt mir immer de Gedanke, dass die Bezeichnig „Christ“ s erst mal ja erscht ide Apostelgschicht 11 vorchunt, wo d Jünger vo Jesus vo Ussestehende so bezeichnet worde sind. Das Label isch ihne also geh worde und irgendwenn hends es übernoh. Sie sind eso bezeichnet worde, will die Ussestehende s Verhalte vo de Jünger vo usse betrachtet unds denn kategorisiert hend. Und genau de Fokus uf de Mensch vo usse chunt bi mir immer uf, wenn ich die Bezeichnig Christ ghöre und empfinds denn gar nöd als so „christlich“, will bim Glaube ah Jesus gahts ja genau nöd darum, was ich gmacht han, wie ich mich verhalte han, sondern was ER und nur Er für eus gmacht het…. ich bezeichne mich nüme gern als Christ (aber au nöd als nöd-Christ 🤪), will ich s Gfühl nöd los wird, dass denn de Fokus automatisch uf mir, mim Handle etc liit, anstatt uf Gott, und was Jesus für eus alli gmacht het. Macht das irgendwie Sinn?
    Drum erchlärig denn irgendwie grad immer „Ich liebe Jesus und was er für mich gmacht het, ja! 😍“ 😅 aber ja schlussendlich chunts ja au gar nöd druff ah, wiemer wasem seit, solang ich eifach s Gfühl han, dass ich öppe richtig verstande wird, bzw. mis Gegenüber und vom Gliche reded.. 🤪

    Han din Blog über dini Bio uf Insta wieder gfunde und ich lieb dini Iträg!

    Danke fürs Teilha lah hihi

    – Nathanja

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    1. mega spannendi Gedanke! Danke viel mol :))
      i find du häsch mega rächt demit, dass so es „Label“ starch chan ablänke vo däm, wos eigentlich drum goot, und nid immer hilfriich isch zum sich gägesiitig versto.

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