Warum die Sintflut nichts nützt

Thanos schnippt mit dem Finger, die halbe Menschheit stirbt und die Utilitaristen jubeln. Als ich den Marvel-Film „Infinity War“ zum ersten mal sah, ließ mich die kaltblütige Scharfsinnigkeit des Bösewichts Thanos gleichzeitig erschaudern und mit dem Kopf nicken. Er befreit Planet um Planet von der Hälfte der Lebewesen und glaubt damit das Universum vor Ressourcenknappheit zu retten: „Kinder, die seither zur Welt kommen, kennen nur noch volle Bäuche und klare Himmel.“ Auch wenn Thanos unmissverständlich als das personalisierte Böse dargestellt wird, bin ich nicht die Einzige, die sich fragt, ob es wirklich so falsch ist, ein Gleichgewicht aus Ressourcen und Verbraucher herstellen zu wollen.
Diese Frage stellt sich zur Zeit ernsthafter als je zuvor. „Am besten hätten wir das Virus einfach wüten lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen“, sagt ein älterer, amerikanischer Herr, mit dem ich seit einer Woche im Quarantäne-Hotel sitze. Warum sollten wir nicht einfach die Alten und Schwachen sterben lassen, um dafür die Stabilität der Wirtschaft zu sichern und nebenbei die Probleme der Überbevölkerung und der Pensionskassen zu lösen?

Spielen wir Thanos‘ Plan mal durch: Welche Hälfte der Menschheit wäre denn idealerweise auszulöschen? Aus Sicht der Klimaschützer würde es wohl die größten Umweltverschmutzer und Ressourcenverbraucher treffen. Da stehen wir Schweizer wohl weit oben auf der Liste. Andererseits trägt die innovative Forschung aus Ländern mit großem Ressourcenverschleiss zu einer nachhaltigen und effizienten Nutzung der globalen Vorräte bei. Also doch besser die Unterschicht der Dritten Welt sterben lassen, welche kaum zu weltweitem Fortschritt beitragen? Oder eben: Wir lassen die natürliche Selektion ihren Job machen und setzen die Alten und körperlich Schwachen in die Todeszone. Auch wenn mir bei all diesen Gedanken eine säuerliche Flüssigkeit den Rachen hochkriecht, kann ich nicht verneinen, dass jene eine gewisse Gültigkeit besitzen. Ein paar Gründe halten mich jedoch davon ab, auf Thanos‘ Seite zu wechseln.

Erstens haben unsere Probleme weniger mit der Anzahl Menschen als mit deren Verhalten zu tun. Es nützt nichts, die halbe Menschheit zu eliminieren, wenn die Übriggebliebenen genauso verantwortungslos weiterwirtschaften wie zuvor. Nach der Sintflut ist vor der Sintflut. Natürlich hält die Erde keine unbegrenzte Anzahl Lebewesen aus, doch wo die Obergrenze liegt, wird maßgeblich davon mitbestimmt, was wir tun. Setzen wir uns auf einen Berg voller Vorräte, der langsam von Insekten und Inflation zerfressen wird? Setzen wir unsere Kraft dafür ein, von der Unterhaltungsindustrie betäubt zu werden? Setzt unsere Dankbarkeit dann ein, wenn wir etwas haben, oder erst, wenn wir etwas mehr haben? Bevor wir die Bevölkerung dezimieren, sollten wir unsere Gewohnheiten analysieren.

Aber die Aussage meines amerikanischen Mitinsassen geht noch in eine andere Richtung: Sollte nicht das Gesamtwohl dem Leben der schwächsten Glieder vorgezogen werden? Anstelle eines theoretischen Plädoyers für den Wert jedes noch so unproduktiven Lebens, möchte ich euch jetzt von meinem Herz für hoffnungslose Fälle erzählen.
Noé* sitzt mit Kopfhörer im Ohr vor unserem Haus. Er träumt viel: vom Erfolg als DJ, vom perfekten Mädchen, von einem anderen Leben. Weder das verzweifelte Schimpfen seiner Mutter noch die Drohungen seines Vaters können ihn aufwecken. Der 15 – Jährige geht schon seit vier Jahren nicht mehr zur Schule und lässt sich stattdessen von Musik und Freunden in eine andere Welt entführen. „Er ist ein hoffnungsloser Fall“, sagt Nataly. „Wir haben schon alles versucht“, fügt Leo kopfschüttelnd hinzu. „Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll“, sagt seine Mutter unter Tränen. Es gäbe viele Kids im Quartier, die meine Unterstützung mit offenen Armen empfangen würden und deren Fortschritte wohl weniger Energie kosten würden. Doch mein Herz zieht es zu diesem Jungen, den alle aufgegeben haben. Statt ihn aus seiner Welt zu reissen, versuche ich in diese einzutauchen, indem wir gemeinsam singen, tanzen, Liedtexte auswendig lernen und zwischendurch Lesen und Schreiben üben. Es ist anstrengend, trotz seiner schwankenden Motivation einen konstanten Fortschritt anzustreben. Rational gesehen ergibt es auch wenig Sinn, so viel Energie in jemanden zu investieren, der kaum Dankbarkeit zeigt und sich nicht um das Wohl der Gemeinschaft kümmert. Doch ich spüre einfach, dass es richtig ist, ihn nicht alleine zu lassen.

Niemand sollte allein gelassen werden – egal wie unproduktiv sein Leben oder wie kostspielig der Erhalt ihres Atems ist. Jesus erzählte einst von einem guten Hirten, der das Wohl von 99 Schafen zurückstellt, um dieses eine Schaf zu suchen, das sich verlaufen hat. Dabei war es ja noch selbst schuld! Warum ist es trotz Ausgangssperre auf die Straße gegangen, wenn es doch zur Risikogruppe gehört?! Ich glaube wir sollten es diesem Hirten gleich tun, die hoffnungslosen, unproduktiven Fälle sehen und uns ihnen annehmen, auch wenn es uns als Gemeinschaft etwas kostet. Denn eine Gemeinschaft, die den Wert eines Menschen nur an dessen Produktivität misst, zahlt einen viel zu hohen Preis.

*Name geändert

2 Kommentare zu „Warum die Sintflut nichts nützt

  1. Liebe Anna: Danke für Deinen sensiblen und aufrüttelnden Bericht, bzw. Geschichte. Eine Anmerkung oder Gedanke zum einen Schaf, bzw dessen „Schuld“: Wäre es biblisch gesehen denkbar, dass das eine Schaf darum gegangen ist, weil es sich bei den anderen nicht wohl gefühlt hat, deren Mobbing einfach nicht mehr ausgehalten hat und lieber die Einsamkeit als das erniedrigende Leben weiterhin auf sich genommen hat? Alles Gute in Deiner Aufgaben. Gruss Haru

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  2. Lieber Haru, danke für deine Rückmeldung und deine weiterführenden Gedanken! Ja, ich finde das beschreibt den Kontext, in welchem Jesus die Geschichte platziert, sehr treffend. Dennoch würde ich weder in der damaligen noch in der heutigen Situation das Schaf komplett von der Schuld freisprechen wollen.

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