Worte sind unsere Werkzeuge, um die Bilder auszugraben, die im Kopf und im Herzen unseres Gegenübers verborgen liegen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Worte von aussen gleich aussehen, von Sprecherin und Zuhörer jedoch unterschiedlich gefüllt werden. Je nachdem, wie wir Worte füllen, erzeugen sie ein anderes Bild in unseren Köpfen.
Einmal sagte ein Freund von mir: „Diese nervigen Drohnen sollte man mit Mikrowellen abschiessen“. Ich stellte mir vor, wie er ein Katapult zusammenschustert, um mit Resten-Aufwärm-Maschinen auf Drohnen zu schiessen. Er meinte natürlich nicht die Maschinen, sondern die künstlich erzeugten Wellen, welche den Maschinen ihren Namen geben.
Das Ziel von Gesprächen ist es, das Bild zu entdecken, welches der Andere im Kopf hat. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach. Je unterschiedlich die Hintergründe der zwei Sprechenden sind, desto komplizierter gestaltet es sich. Hier in Peru geschieht es oft, dass ich mit meinem Gegenüber in einer Aussage übereinstimme, deren Inhalt wir aber ganz anders sehen: „Ja, ehrlich zu sein ist mir total wichtig!“ – aber eine Kundin anzulügen gilt nicht als unehrlich, sondern als notwendig. „Ja, wenn man einen Fehler begangen hat, sollte man um Vergebung bitten“, aber als ich meinen Fehltritt zugab, wurde dies nicht als Bitte um Vergebung verstanden. „Ja, die Bibel ist mir heilig“, aber das bedeutet nicht, dass man sie liest.
Je abstrakter das Thema, desto herausfordernder ist es, zu erkennen, was wirklich hinter den Worten meines Gegenüber steckt. Insofern gestalten sich gerade Gespräche über Weltanschauungen besonders schwierig. Mit einem guten Freund führte ich immer wieder lange Gespräche über den christlichen Glauben, und er sagte von Anfang an: „Ja, ich glaube auch, dass Jesus Gottes Sohn ist.“ Vor kurzem sprachen wir wieder über Jesus, und er sagte: „Ich habe gerade zum ersten Mal gehört, dass Jesus Gott höchst persönlich sei. Trotz meiner katholischen Erziehung und ein paar Jahren in einer Freikirche habe ich immer gedacht, Jesus sei einfach ein aussergewöhnlicher Mensch, und werde deshalb ‚Sohn Gottes‘ genannt.“
Wenn ich in einem Gespräch nicht nur hören möchte, was meine Ohren aufnehmen, sondern was das Herz meines Gegenübers sagt, benötigt das viel Energie. Es ist einfach, die Aussage von jemandem anhand von dem zu beurteilen, was ihre Worte bei mir auslösen. Es ist unglaublich anstrengend, mit den Worten als Werkzeug das herauszuarbeiten, was mein Gegenüber tatsächlich meint. Dazu muss ich meinen Duden in die Ecke stellen und zulassen, dass Worte im Gespräch ganz neu definiert werden.
Vor allem muss ich aber lernen, wohlwollend zuzuhören. Wie schwierig das ist, merke ich hier besonders bezüglich des Themas „Machismo“ – patriarchales Denken. „Ich bin ein Machist/eine Machistin“, sagen manche mit stolzer Brust, andere mit gesenktem Blick, aber alle scheinen sich bewusst zu sein, dass patriarchales Blut durch die Adern der peruanischen Kultur fliesst. Von expliziten Aussagen wie „Als Mann muss man nicht kochen können“ bis zur impliziten Konventionen, dass eine Frau nie den ersten Schritt in einer Beziehung macht, hat sich patriarchales Denken tief im peruanischen Sprechen und Handeln eingefressen. Als feministisch angehauchte – oder zumindest zur Emanzipation bestrebte – Schweizerin, ist mein innerer Machismo-Detektor in ständiger Alarmbereitschaft. Ich werde oft gefragt, ob ich kochen und nähen kann, aber nicht, ob ich Fussball spielen und Auto fahren kann. Ich werde oft gefragt, warum ich noch keine Kinder habe, aber nicht, warum ich grade keine Arbeitsstelle habe.
Oft liegt mir in diesen Momenten eine zurechtweisende Antwort auf der Zunge. Doch mehr und mehr merke ich, dass es manchmal besser ist, diese runter zu schlucken. In diesen Gesprächen geht es meinem Gegenüber nicht darum, mich in meinem Frau-Sein zu definieren, sondern mich kennenzulernen. Dass dabei ihr machistisches Denken zum Vorschein kommt, ist in diesem Moment nebensächlich. Ich möchte mich in erster Linie darum bemühen, Freundschaften aufzubauen und zu stärken. Wenn sich im Laufe dieser Freundschaft dann Momente ergeben, in denen wir grundlegend über das Thema Machismo sprechen können, verspricht dies viel mehr Frucht, als wenn ich bei jeder Bemerkung mit der feministischen Peitsche knalle.
Ich möchte damit keines Falls sagen, dass man diskriminierendes Verhalten über sich ergehe lassen soll, oder dass eine Aussage nur dann diskriminierend ist, wenn sie auch so gemeint war. Stattdessen wünsche ich mir, dass auf beiden Seiten des Dialogs ein wohlwollendes Zuhören stattfindet, mit dem wir versuchen, das Gegenüber zu verstehen, und nicht, es zu entlarven oder zu besiegen.
Gelingende Kommunikation ist oft anstrengend. Sie benötigt den Willen, das Bild zu entdecken, welches meine Gesprächspartnerin im Kopf hat. Wenn dies gegeben ist, wird ein Gespräch zu einer spannenden Reise. Eine Reise, die damit beginnt, dass ich mehr Gewicht auf das lege, was das Herz meines Gegenübers sagt, als auf das, was dessen Worte bei mir auslösen.
Ganz ehrlich – mir gelingt das selten. Deshalb ist es eines meiner häufigsten Gebete geworden: „Gott, hilf mir, mein Gegenüber zu verstehen.“ Ich glaube es ist gerade in der heutigen Zeit eine der schönsten Formen, Gottes Liebe zu wiederspiegeln, indem wir „nicht zuerst danach streben, verstanden zu werden, sondern andere zu verstehen“ (Franz von Assisi).

