Obwohl ich vorsichtig bin in der Verwendung des Wortes „Vorsehung“, scheint es mir, als würden die vergangenen Wochen den Fingerabdruck Gottes tragen.
Vor sieben Wochen: Der Inhaber eines Tourismus-Büros ist aufgewühlt, da er bis Ende Jahr keine Aussichten auf ein Einkommen hat. Er versucht Ideen für ein neues Geschäft zu entwickeln und informiert sich über Weiterbildungsmöglichkeiten. Doch es scheint nichts wirklich zu funktionieren. Immerhin vermietet er ein paar Zimmer seiner Wohnung über AirBnB, so kann er sich für den Moment über Wasser halten.
Vor sechs Wochen: Zwei junge Männer begegnen sich auf der Strasse und kommen miteinander ins Gespräch. Der eine ist Schauspieler und Moderator einer bekannten Casting-Show, der andere musste aufgrund des Lockdowns sein kürzlich eröffnetes Restaurant schliessen, seine Wohnung verlassen und in ein AirBnB umziehen. Sie verstehen sich gut und blieben weiterhin in regem Kontakt.
Vor fünf Wochen: Eine junge Schweizerin reist von Arequipa nach Lima. Sie möchte zurück zu ihrer Gastfamilie im Armenviertel, doch als sie in Lima ankommt, stellt sie spontan ihren Plan um. Da sie die Grosseltern, welche im Haus ihrer Gastfamilie leben, nicht gefährden möchte, zieht sie für zwei Wochen in ein AirBnB im Stadtzentrum.
Vor vier Wochen: Während einem leckeren Abendessen kommt der Schneeball ins Rollen. Die drei AirBnB-Bewohner sprechen über die Folgen, welche die Coronakrise für die ärmere Bevölkerung Perus hat. Aufgrund des Lockdowns darf niemand arbeiten – folglich erhält auch niemand einen Lohn. Die Regierung verteilt zwar Lebensmittel und stellt den Ärmsten einen kleinen finanziellen Unterstützungsbeitrag aus, doch die Korruption frisst viele Löcher ins Verteil-System, so dass die Hilfe nur wenige erreicht. Wer keine Ersparnisse hat, lebt von der Grosszügigkeit seiner Nachbarn. In den Aussenquartieren auf den Hügeln ist Ersteres kaum vorhanden und Letzteres schwindet mit jedem Tag, um den die Quarantäne verlängert wird. Es herrscht eine betrübte Stimmung, als die drei AirBnB-Bewohner sich fragen: Was können wir tun?
Vor drei Wochen: Die junge Schweizerin kehrt zu ihre Gastfamilie ins ärmere Aussenquartier zurück. Dort merkt sie, dass die Situation noch prekärer ist, als vermutet. Als sie ihren zwei AirBnB-Freunden die Umstände schildert, sagt der eine: „Warum sammeln wir nicht Lebensmittelspenden in unserem Quartier ‚Miraflores‘ ein, und bringen sie in die Armenviertel?“

Von da an nimmt der Schneeball Fahrt auf: Der befreundete Schauspieler steigt ins Projekt mit ein und macht ein Werbevideo. Dies zieht die Presse an, so dass die erste Aushändigung der Lebensmittelpakete live in den Nachrichten übertragen und später auf weiteren Kanälen ausgestrahlt wird. Ein AirBnBler kennt den Bürgermeister von Miraflores, welcher uns Transportmittel zur Verfügung stellt und eine Sondererlaubnis erteilt, so dass wir uns innerhalb der Stadt bewegen dürfen. Ein anderer ist gut befreundet mit dem Chef eines Unternehmens, welcher uns grosszügig unterstützt und weitere Unternehmer animiert, mitzuhelfen.
Die erste Paket-Übergabe erfolgt an 55 Familien. Wir sind überwältigt von der Not, die wir im Armenviertel José Ugaz antreffen: Viele Leute versammeln sich um uns und über den ganzen Hügel hört man, wie einige mit Kochlöffeln an ihre leere Pfannen schlagen und rufen: „Wir haben Hunger! Helft uns!“. Für alle Anwesenden ist klar, dass wir das Projekt weiterführen müssen. Auch die Presse sagt uns weiterhin ihre Unterstützung zu.
Während einer weiteren Woche sammeln wir Lebensmittelspenden ein, und diesmal können wir zusätzliche 260 Familien mit Paketen beschenken. Ich freue mich sehr über die grosse Unterstützung, die wir für unser Projekt #MiraflorinosAyudan erhalten. Doch auf dem besagten Hügel leben rund 1500 Familien. Und in Lima gibt es hunderte solcher Hügel! Unsere Hilfe ist eine Schneeflocke auf dem heissen Stein.
Wir sind glücklicherweise nicht die Einzigen, die Lebensmittel in die Armenviertel bringen. Aber die Angst vor Ansteckung ist gross, weshalb sich nur wenige nach draussen gehen möchten um Spenden einzusammeln oder auszuhändigen. Umso mehr bewegt es mich zu sehen, wie meine zwei AirBnB-Freunde all ihre Energie in dieses Projekt stecken, obwohl sie selbst gerade keinen Lohn und keine Aussichten auf einen Job nach der Quarantäne haben. Als ich sie frage, ob sie sich keine Sorgen um ihre eigene Zukunft machen, sagt der eine: „Ich kann gerade kein Einkommen generieren, aber ich kann Hilfe generieren.“
Viele zufällige Begegnungen und Entscheidungen haben dazu geführt, dass das Projekt #MiraflorinosAyudan in einem so grossen Ausmass zustande gekommen ist. Man kann es dabei belassen, dies Zufall zu nennen. Doch wenn ich mich daran erinnere, wie mich eine innere Ahnung dazu bewegte, nicht zurück in die Schweiz zu reisen, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es nur Zufall war. Zudem denke ich an mein erstes Gespräch mit dem AirBnB-Besitzer zurück, indem er sagte: „Die vergangenen Tage in der Quarantäne haben mir gezeigt, dass mein materieller Besitz kaum Wert hat. Viel wichtiger ist, wie es um mein Inneres steht. Und ich erkenne immer stärker, dass ich Gott brauche, um mein Inneres aufzuräumen. Ich würde gerne mehr über deinen Glauben hören.“ Wenn ich anhand dieser Erlebnisse die Bahn des Schneeballs zurückverfolge, so treffe ich oben auf dem Hügel ein liebevoll lächelndes Gesicht an, welches mir sagt: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,10) – oder vielleicht auch einfach: „Überraschung!“


