Scham ist dieser Moment, wenn die Welt plötzlich magnetisch wird: Mein Blick kann sich nicht mehr vom Boden lösen und meine Wangen ziehen jegliche Flüssigkeit aus meinen Blutbahnen an; meine Gedanken kreisen endlos um das eben erlebte und mein Herz beginnt auf einen Schlag alle Gefühlsregungen abzustossen. Neben den kleinen alltäglichen Scham-Erlebnissen, die beispielsweise durch einen lauten Pups oder einen Tritt ins Fettnäpfchen entstehen, gibt es Scham-Momente, die das tiefste Innere meiner Identität erschüttern. In diesen Momenten blicke ich durch die Augen meines Gegenübers auf mich selbst und erkenne, dass das, was ich für ein liebevolles Lächeln hielt, eigentlich eine hässliche Fratze ist. Dass ich nicht so gut bin, wie ich dachte. Dass ich nicht den Werten entspreche, die ich eigentlich erfüllen möchte.
Warum schreibe ich über Scham? Nun – weil ich mich schäme. Ich schäme mich für die Gedanken, die ich im Folgenden mit euch teilen werde. Aber noch mehr würde ich mich dafür schämen, sie zu verschweigen.
Bei meinem ersten Aufenthalt in Peru vor sechs Jahren habe ich einige aufrüttelnde Schammomente erlebt. Ich hatte mir vorgenommen, mein Verhalten und mein Denken so gut ich kann an die peruanische Kultur anzupassen, doch nach fünf Monaten wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich oft anderen mein Schweizerisches Mindset aufgedrückt hatte. Der Begriff „Schlag-auf-den-Kopf-Tag“ schien mir eine treffende Bezeichnung dieses Erlebnisses zu sein, da es sehr schmerzhaft war, aber gleichzeitig dabei half, aufzuwachen und etwas zu verändern.
Die vielen Skype-Gespräche mit Pedro und Nataly über die folgenden Jahre haben dazu beigetragen, dass ich mein Überlegenheitsgefühl ablegen konnte und verstärkt zuhöre, satt zu reden, und begleite, statt zu helfen. So konnte ich von ganzem Herzen hinter ihren Entscheidungen stehen, auch wenn ich anderer Meinung war, da ich sie endlich als Experten für die Beurteilung der Umstände anerkannte. Ich dachte, ich hätte meine eurozentrierte Dominanz abgelegt.
Doch jetzt bin ich hier – und ich schäme mich. Denn ich merke, wie oft ich meinen peruanischen Freunden misstraue: Lifehacks von gutefrage.de nehme ich ernst, doch peruanische Hausmittel probiere ich nur aus Höflichkeit aus. In der Schweiz ziehe ich vor allen Eltern den Hut; hier habe ich das Gefühl, langjährigen Müttern Erziehungstipps geben zu müssen. Den Teenies im Jugendraum traute ich selbstverantwortliche Entscheidungen zu; hier lasse ich keinen lebensverändernden Schritt unhinterfragt – egal wie alt der Entscheidungsträger ist.
Zu meiner Verteidigung könnte ich darauf hinweisen, dass Fehlinformationen hierzulande aufgrund mangelnder Bildung eine erhöhte Überlebenschance besitzen. Des Weiteren werden hier viele bereits im Teenageralter Eltern und die damit einhergehende Überforderung hinterlässt Spuren in ihren Erziehungsmassnahmen. Dies alles bewegt mich dazu, den Tipps meiner peruanischen Freunde zu misstrauen und jene meinerseits mit Ratschlägen zu überschütten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, wie ungerechtfertigt diese Haltung ist und wie viel Schaden sie anrichten kann.
Zu einer Zeit, da Besuche noch möglich waren, sitze ich mit Pedro und Celia vor dem Haus einer älteren Frau, die in der Nähe der Kirche wohnt. Sie trägt einen langen Rock, einen grossen Hut und zwei Zöpfe, die ihr fast bis zur Hüfte reichen: die typische Alltagsbekleidung einer peruanischen Bäuerin. Man merkt ihr an, dass das langjährige Herabblicken der Hauptstädter auf die Provinzler Spuren hinterlassen hat: Sie hebt ihren Blick kaum vom Boden auf, lädt uns aus Scham nicht in ihre Hütte ein und traut sich erst zu sagen, dass sie nicht lesen kann, nachdem sie bereits fünf Minuten in die offene Bibel gestarrt hat. Mir kommen fast die Tränen als ich bemerke, wie tief der Stadt-Land-Rassismus das Selbstbewusstsein dieser Frau beeinträchtigt hat. Der Hügel, den ich vom Vorplatz ihrer Hütte aus überblicken kann, ist übersät von solchen Frauen und Männern, die sich weder fähig noch wert fühlen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzustehen.
In dieser Hüttenlandschaft taucht plötzlich eine junge Europäerin auf und bietet ihre Hilfe an. Das ist keine Aufmunterung, sondern ein weiterer Schlag ins Gesicht. Einmal mehr wird gesagt: „Alleine kannst du das nicht. Ich muss kommen und dir helfen, sonst bleibst du in deinem elenden Leben stecken.“
Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb es Pedro so wichtig ist, eine enge Freundschaft zu seinen ausländischen Unterstützern zu pflegen. Wenn ich zu jemandem eine Freundschaft aufbaue, ebnet dies das schädliche Spender-Empfänger-Gefälle ein. Dieses Gefälle dehumanisiert sowohl den Spender als auch den Empfänger: Der Spender wird zum allmächtigen Goldesel und der Empfänger wird zum abhängigen Haustier.
Bereits in unserem ersten Skype-Gespräch hat mich Pedro liebevoll daran erinnert: „Du bist nicht schlechter als wir – aber auch nicht besser“. Das gemeinsame Unterwegssein auf Augenhöhe war ihm immer ein grosses Anliegen. Genauso wie er mir gegenüber der Hierarchie entgegenwirkt, versucht er dies auch am Projektort von Casa de Dios umzusetzen. Dies ist nicht immer einfach, da Pastoren in Peru üblicherweise ein hohes Ansehen besitzen. Aus diesem Grund möchte Pedro nicht „Pastor“ genannt werden, sondern einfach „Hermano“ (Bruder), wie dies unter Kirchgängern hier so üblich ist.
Dieser Blogpost ist eine Art Geständnis, aber er soll ebenso eine Herausforderung sein. Im Wissen um meiner eigene fehlerhafte Haltung möchte darauf aufmerksam machen, wie viel Kolonialismus sich hinter unserem Denken und unserer Sprache verbirgt. Folgende Aussage ist beispielsweise ermutigend gemeint, steckt jedoch voller Abschätzung gegenüber dem erwähnten Land: „Ich finde es so stark von dir, dass du in dieses Land gehst und hilfst.“ Stell dir vor, dass dir jemand sagt: „So stark, dass du in Zürich wohnst!“, oder: „So stark, dass du als Lehrer arbeitest!“. Diese Worte werden wohl von einer kinderlosen Baslerin stammen, die auf keinen Fall in deinen Schuhen stecken möchte.
Es gibt tatsächlich Menschen, die sich in diesem Land niederlassen, weil es ihnen gefällt! Und dann gibt es Menschen, die dieses Land liebevoll ihre Heimat nennen und es um nichts in der Welt verlassen würden. Ich muss nicht stark oder mutig sein, um hier zu sein. Stattdessen werde ich täglich beschenkt vom Reichtum und der Kultur dieses Landes. Ich bin hier um zu lernen, um gemeinsam mit diesen Menschen unterwegs zu sein und um immer wieder einmal einen Schlag auf den Kopf zu erhalten, der meine unrechtmässige Autorität bricht.
