Die Nebenwirkungen der Angst

Angst verlängert die Lebensdauer. Wer sich nie fürchtet, geht hohe Risiken ein und rennt früher oder später in den Tod. Es ist also empfehlenswert, sich ab und zu ein paar Tropfen Angst verabreichen zu lassen. Doch vor der Einnahme sollten wir uns gründlich über ihre Nebenwirkungen informieren.

Hier in Peru dominiert die Angst die öffentliche Kommunikation: die Fernsehprogramme kurbeln die Panik an, indem sie Schreckensnachrichten über das Virus verbreiten und die Social Media Plattformen sind überfüllt mit Videos von verzweifelten Ärztinnen, Eltern und Polizisten. Der Präsident schafft es zwar, in seinen Pressekonferenzen solide Hoffnung zu vermitteln, doch die Auswirkungen der Angst sind trotzdem täglich spürbar. Niemand geht mehr ins Spital, aus Angst, angesteckt zu werden. Viele junge Menschen sind nicht bereit, in Solidaritäts-Projekten mitzuhelfen, da sie um ihre Gesundheit fürchten. Der Fischkonsum ist erheblich gesunken, unter anderem weil ein Gerücht zirkuliert, dass im benachbarten Ecuador Menschen, die an Covid-19 gestorben sind, ins Meer geworfen werden.

Die heilsame Wirkung der Angst ist unbestritten: Türen bleiben geschlossen und Hände sauber. Doch auf die unerwünschten Nebenwirkungen der Angst gilt es zu reagieren. Deshalb hat der Pastor Pedro García einen Text verfasst, der ermutigt und herausfordert:

Wenn du dich aus Angst zurückziehst – lass dich von der Liebe anziehen

Krankheit ist beängstigend, sie verursacht Furcht und Schrecken. Sie verwandelt unsere Nächsten in eine Bedrohung. Deshalb entfernen wir uns von ihnen, halten Abstand und entscheiden aus freien Stücken, uns von ihnen zu isolieren.

Aber liebe Freunde: Lassen wir nicht zu, dass unsere Herzen isoliert werden, sich abwenden und abkapseln! Mögen unsere Herzen weiterhin praktische und aufopfernde Liebe durch unsere Adern pumpen. Wenn wir uns zurückziehen, ist es vielleicht nicht die Krankheit, die uns tötet, aber die Gleichgültigkeit wird es tun.

Dies sind Zeiten, in denen die Liebe stärker sein muss als die Angst. Diejenigen die fallen, die leiden, die Gewalt erfahren bieten uns die Möglichkeit, Gottes Liebe zu zeigen. Gerade jetzt dürfen wir unsere Menschlichkeit und Sensibilität nicht verlieren. Möge dein Herz sich nicht abschotten.

Gott hat uns dazu berufen, Nächste zu sein: Samaritaner, die eine Liebe ohne rassistische, wirtschaftliche oder soziale Barrieren anbieten. Lasst uns nach kreativen Wegen suchen, um zu helfen!

(Pedro García, Übersetzung: Anna Näf)

Es begeistert mich zu sehen, wie viele Menschen in unserem Quartier trotz Angst bereit sind, sich um die Nöte ihrer Nachbarn zu kümmern. Nataly und ich sind gestern von Haus zu Haus gegangen, um Unterstützung für eine Nachbarin zu erbitten, welche sich die nötige medizinische Hilfe für ihren Ehemann nicht leisten kann. Es hat mich berührt zu sehen, wie kleine Spenden von umgerechnet 1-2 CHF sich aufsummiert haben zu dem exakten Betrag, den sie braucht. Und das, obwohl im Moment jede Familie finanziell auf wackligen Beinen steht! Zudem sah ich jedes Mal, wenn wir bei der Nachbarin vorbeikamen, dass jemand vor ihrem Haus stand, um sie mit Lebensmitteln und aufmunternden Worten zu beschenken.

Es gibt viele berechtigte Gründe, sich in der aktuellen Situation zu fürchten. Doch wir haben auch viele Gründe um zu hoffen, zu helfen und liebevoll Heimat zu gestalten.

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