„Aus dem Augenwinkel siehst du die Landebahn, doch dein Blick bleibt fixiert auf die Anzeigen im Cockpit. Langsam senkt sich das Flugzeug und auch wenn du meinst, es sei noch viel zu früh, gehorchst du dem Kommando aus dem Turm und leitest die Landung ein. Denn du weisst: Die eigenen Augen sind das Letzte, vorauf ein Pilot vertrauen darf.“ Einer meiner peruanischen AirBnb-Mitbewohner ist in der Ausbildung zum Piloten und nimmt uns gerne in seine Welt mit. Manchmal scheint mir diese Welt gar nicht so weit weg zu sein von unserem aktuellen Erleben: Wir fliegen durch eine dicke Nebelwand. Niemand weiss, was die nächsten Monate bringen werden. Alle warten gespannt, bis die Landebahn wieder in Sichtweite kommt und hoffen, bis dahin nicht zu tief zu sinken. Es fühlt sich an, als wären alle Geräte an Bord ausgefallen, der Kontakt zum Fluglotsen unterbrochen und das einzige was ich habe, sind meine eigenen Augen, denen ich zutiefst misstraue. Mit atemberaubender Geschwindigkeit rase ich durch die graue Ungewissheit.
Normalerweise haben wir in unserem Leben vertrauenswürdige Referenzpunkte, die wir in unsere Entscheidungen miteinbeziehen: glaubhafte Statistiken, langjährige Erfahrungen, wissenschaftliche Konsensmeinungen oder auch persönliche Vorbilder. Wir brauchen diese externen Stimmen, die unser eigenes, oft unzureichendes Urteilsvermögen ergänzen. Doch in einer historisch unvergleichbaren Krise wie dieser scheinen unsere Referenzpunkte genauso blind zu sein wie wir.
Als planungsfreudige Schweizerin, die nervös wird, wenn sie nicht weiss, wie ihr Leben in einem Jahr aussieht, müsste mich eine solche Ungewissheit eigentlich gründlich durchrütteln. Zugegeben – in einigen Momenten geschieht dies auch. Doch je mehr ich die Gemütslage meiner lateinamerikanischen Umwelt aufsauge, desto entspannter kann ich über die Zukunft nachdenken.
Natürlich lässt die Corona-Krise auch hier niemanden kalt und ich möchte keinesfalls die haarsträubenden Folgen kleinreden, unter denen die ärmeren Bevölkerungsteile leiden. Doch immer wieder bin ich überrascht von der pragmatischen Ruhe, mit der viele auf diese schwierige Situation reagieren. Einer meiner Mitbewohner führt eine Tourismus-Agentur, welche er wohl mindestens bis Ende Jahr auf Eis legen muss. Doch statt frustriert zur Flasche zu greifen, nimmt er das Telefon in die Hand und beginnt mit der Hilfe von Cousins, Freunden und Bekannten eine neue Geschäftsidee zu entwickeln. Der Tourismus war über Jahre hinweg sein Lebensinhalt und es gibt wohl nichts, das ihn so sehr begeistert wie das Reisen. Trotzdem betrübt es ihn kaum, dass er sich nun etwas Neues suchen muss. Ich glaube, dass dies auf mindestens zwei kulturelle Umstände zurückzuführen ist.
Erstens sind die Leute hierzulande unsichere Arbeitsplätze gewohnt. Viele sind temporär angestellt, beispielsweise als Putzhilfen, Bauleute oder im Verkauf. Nicht selten startet jemand ein eigenes kleines Geschäft, das gerade genug Gewinn abwirft, um zu überleben. Dem entsprechend zögern sie nicht, ihre Arbeit aufzugeben, sobald sie eine Möglichkeit für ein etwas höheres Einkommen sehen. Für viele ist es nichts Neues, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ständig Ausschau nach neuen Gelegenheiten zu halten und immer wieder einen völlig neuen Beruf auszuprobieren.
Zweitens hat Arbeit hier ein anderes Gewicht, als ich es aus meinem Schweizer Umfeld kenne. Dort ist die Arbeit die Bühne, auf der ich zeige, wer ich bin, indem ich meine Begabungen, meine Herzensanliegen und meine Ambitionen zum Ausdruck bringe. Hier ist die Arbeit lediglich dazu da, genug Essen auf den Tisch zu bringen. Wer ich bin, zeigt sich vielmehr daran, welche Menschen mit mir am Tisch sitzen und wie wir unser Miteinander gestalten. Auch wenn der Coronavirus für viele das Decken des Tisches erschwert und leider auch in manchen Familien Sitzplätze leer bleiben werden, so besteht ihre Lebensgrundlage trotzdem weiter: Die familiäre und nachbarschaftliche Gemeinschaft.
Ich weiss nicht, wann sich der Nebel lichten wird und erkenne nicht, was sich dahinter verbirgt. Aber ich weiss, wer mit mir unterwegs ist. Vielleicht ist es gerade jetzt, wo ich nicht weit vorausschauen kann, umso wichtiger, auf meine direkte Umgebung zu achten. Solange an meinem Lebenstisch viele liebe Menschen sitzen, mit denen ich Sorgen und Freuden teile, ist die Unsicherheit auszuhalten. Solange ich weiss, dass Gott ebenfalls mit uns zu Tisch sitzt, unsere Gemeinschaft zusammenhält und unsere Schritte begleitet, kann ich zuversichtlich in die Zukunft blicken, obwohl ich sie nicht sehe.
