Wenn ich auf Reisen bin, schlägt mein freiheitsliebendes Individualisten-Herz höher: Ungebunden und ohne Verantwortung tun, was der Körper aushält und der Geldbeutel erlaubt. Nach einer dreitägigen Machupicchu-Tour liege ich jetzt in einer Hängematte im peruanischen Dschungel und freue mich über die Schönheit dieses Landes. Doch der Genuss steht auf wackligen Beinen. Neben den Mücken beißt mich nämlich noch etwas anderes: mein Gewissen. Ich denke an meine Freunde in Lima: an José und seine zwei Söhne, die sich zu dritt ein Bett teilen müssen oder an Marleny, die gar nicht erst die Augen schließen kann, weil sie sich als Einzige um ihren kranken Neffen kümmert. Während diese zwei um Schlaf ringen, jage ich dem Duft nach Abenteuer und Genuss nach und lasse dabei eine Menge Geld liegen, welches sie gut gebrauchen könnten.
Wie so oft in den letzten Wochen, entwickelt sich in meinem Kopf ein Gespräch zwischen der schweizerischen und der peruanischen Anna. „Es ist nicht deine Pflicht, ihnen zu helfen. Du hast schließlich das Recht, dein Leben auszukosten.“
In der Schweiz gesteht man sich mit relativer Selbstverständlichkeit das Recht zu, zuerst um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse besorgt zu sein. „Wenn dann noch etwas übrig bleibt, spende ich das gerne, doch eine Pflicht ist das nicht.“
Ein paar Breitengrade weiter westlich erscheint mir das Reden von „Rechten“ und „Pflichten“ aber irgendwie fehl am Platz. Diese Kategorien dienen dazu, isolierte Individuen miteinander zu verbinden. Das peruanische Lebensgefühl erinnert aber weniger an zu überbrückende Inseln, als an einen Körper, dessen Gliedmaßen alle an demselben Nervenstrang hängen: Dein Schmerz ist mein Schmerz. Am engsten verbunden ist man mit der Familie, doch darüber hinaus besteht auch ein starkes Bewusstsein für die Bedürfnisse der Nachbarn und der ganzen Quartiersgemeinschaft. Eine solche Gemeinschaft ist ein zusammenhängender Organismus, in welchem nicht miteinander gehandelt, sondern mitgefühlt und mitgejubelt wird. Insofern ist auch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft das, was hier das Selbstbewusstsein aufbaut. Während ich alleine durch die Stadt fahre und alleine einen Hausbesuch mache, um mich stark und unabhängig zu fühlen, verleiht es meinen peruanischen Freunden Kraft, wenn sie Unterstützung durch ihre Gemeinschaft erfahren.
Natürlich bergen solche engen Gemeinschaften Gefahren: sozialer Druck kontrolliert das individuelle Verhalten und gemischt mit einer starke Obrigkeitsgläubigkeit liegt Machtmissbrauch nicht fern. Doch ich frage mich: Könnte es nicht sein, dass wir durch unsere Angst vor paternalistischen Eingriffen einerseits die Schönheit von tragenden Gemeinschaften verpassen und andererseits unsere Verantwortung innerhalb derselben vernachlässigen?
Die Schönheit sehe ich, wenn Bernardina ohne Hemmungen und unter Tränen von ihren Schwierigkeiten erzählt und Hilfe annimmt; wenn Hector trotz eigener Ressourcenknappheit kostenlos Luisas Hüttenboden betoniert; und wenn ich merke, dass mein Tagesablauf nicht mit Terminen, sondern mit Begegnungen gefüllt ist.
Gleichzeitig tragen wir Verantwortung innerhalb unserer Gemeinschaft – ob wir dies wollen oder nicht. In der aktuellen Pandemie-Krise ist es nicht zu übersehen, dass wir eben keine isolierten Inseln sind, sondern jedes individuelle Verhalten Auswirkungen auf die Gemeinschaft hat. Neben dem was wir aushusten, ist auch das ansteckend, was wir ausdenken, aussprechen und ausführen – und zwar nicht nur zu Zeiten des Corona-Virus. Wir sind immer Teil von lokalen und globalen Organismen, weshalb es selbstverständlich sein sollte, dass dein Problem auch mein Problem ist.
Doch was mache ich nun mit meinem Hängematten-Problem? Genauso wie die steigende Sonne gerade die Schatten der Bäume verdrängt, wird mein schlechtes Gewissen durch ein stärkeres Gefühl vertrieben: Liebe. Der Gedanke an meine Freunde hat zuerst geschmerzt, doch nun freue ich mich, weil ich das Erlebte mit ihnen teilen kann. Ich gehöre zu ihrer Gemeinschaft, unabhängig davon, was ich ihnen gebe. Ja, ich will meine Verantwortung in der materiellen Unterstützung wahrnehmen und möchte diese zukünftig steigern, aber unsere Freundschaft zeichnet sich nicht in erster Linie durch volle Hände aus, sondern durch volle Herzen. Mit diesem Bewusstsein kann ich meine Entdeckungsreise geniessen, während ein Teil meines Herzens weiterhin in Lima ist.