Der gefühllose Gott

„Von einer Million Punkte gebe ich Gott genau einen“, sagte mein Mitbewohner Leo, als er mir erzählte, weshalb er mit dem christlichen Glauben nichts mehr anfangen kann. „Wenn ich einen Christen antreffe, nehme ich oft mein Handy hervor und zeige ihm ein Video von drei jungen Menschen, die sich bei ihrem grausamen Handeln filmen: Sie überfallen einen Typen, schneiden ihm die Kehle auf und während seinem langsamen Verenden trennen sie Gliedmass um Gliedmass von seinem Körper ab. Während man im Hintergrund ihr hämisches Lachen hört, frage ich mein Gegenüber: ‚Sag mir: Wo war dein Gott in diesem Moment?!'“

Wenn Gott jeden Menschen liebt und sich um uns kümmert wie ein Vater: Warum verhindert er ein solches Geschehen nicht? Wenn zwei Kinder miteinander streiten und das eine gewalttätig wird, dann greift jedes vernünftige Elternteil ein und sieht nicht einfach zu, wie sich ihre Kinder gegenseitig verletzen. Ich kann gut nachvollziehen, weshalb Leo schlussfolgert: „Wenn es Gott gibt, dann ist er ein verdammt schlechter Vater.“

Die Frage, weshalb Gott eine so leidvolle Welt zulässt, ist die Urgrossmutter aller theologischen Fragen. Ich habe an dieser Frage wohl schon öfter rumgekaut als an allen Hühnerknochen, die mir in den vergangenen Wochen serviert wurden. Doch in diesem Gespräch mit Leo traf mich seine berechtigte Wut und Verständnislosigkeit mit einer neuen Wucht. Wenn ich mir vorstelle, wie Gott in einem so grausamen Geschehen passiv daneben sitzt und es ihn kalt lässt, dann hat er die Anrede „Vater“ nicht verdient.

Es geht mir nicht darum, ob Gott in seinem umfassenden Verständnis der Komplexität dieser Welt einen Grund hat, eine leidvolle Welt auszuhalten. Sondern ich frage mich: Was fühlt er wohl, wenn er Zeuge eines solchen Geschehens wird? Zieht sich auch bei ihm sein Innerstes zusammen, so dass ihm speiübel wird und mit geballten Fäusten und Tränen in den Augen sein einziger Wunsch darin besteht, dass diese Grausamkeit sofort aufhört? Oder sagt er sich: „Ihr Menschen seid selber schuld an eurer Brutalität und Verzweiflung. Hättet ihr doch auf  mich gehört, dann würde eure Welt jetzt nicht so aussehen. Da seht ihr nun, wie sehr ihr mich braucht.“

Wie fühlt sich Gott, wenn er die Einsamkeit des achtjährigen Esmid sieht, der sich alleine um seine jüngeren Geschwister kümmert, wenn er der erschöpfte Bernardina in die Augen schaut, die um das Überleben der Familie kämpft und wenn er versteht, weshalb Kriminalität und Brutalität manchen als einzige Lösung erscheint?

In der Bibel zeigt Gott verschiedene Reaktionen auf das Leiden und die Nöte der Menschen. An Stellen wie der Sintflut erscheint mir Gott als utilitaristischer Weltenlenker, welcher den Schmerz Einzelner in Kauf nimmt, um im Gesamtverlauf der Geschichte etwas Gutes zu bewirken. Ich ringe damit, diese Seite in mein Gottesbild zu integrieren, da sie mir kalt und distanziert erscheint. Gleichzeitig sehe ich in der Bibel von Anfang bis Ende einen Gott, welcher sich der Verzweiflung Einzelner annimmt und sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt. Von Jesus heisst es sogar, es habe ihm vor Mitgefühl die Eingeweide zusammengezogen, als er die Hilflosigkeit der Menschen sah (Markus 6,34). Ist Gott nun ein unbewegter Herrscher oder ein mitfühlender Bruder?

Hier in Peru weine ich oft. Doch das liegt nicht nur an der Gewalt und Armut, die ich beobachte. Vielmehr berührt es mich zu sehen, dass diese nicht das letzte Wort haben: Nataly behält trotz vergangenen Misshandlungen ein weiches Herz; Pedro führt ein geradliniges Leben, obwohl er schon in den Kinderschuhen auf der schiefen Bahn lief; Pati schafft trotz ihrer Jugend als heimatloses Strassenkind ein liebevolles Zuhause für ihre Familie. Und sie alle sagen: „Wenn nicht Gott mein Herz verändert hätte, würde ich heute nicht hier stehen.“

Gott schafft nicht immer paradiesischen Zustände. Aber er lässt auch in den trockensten Wüsten etwas aufblühen. Dies zeigt mir, dass er unserem Leiden nicht gefühllos zuschaut: Es bewegt ihn. Oft wünschte ich mir, er würde sich schon bewegen bevor Schmerz und Ungerechtigkeit geschehen. Doch wenn ich sehe, dass er leidende Herzen verändert, weiss ich immerhin: Es lässt ihn nicht kalt. Auf Leos Frage: „Wo war dein Gott in diesem Moment?“, kann ich deshalb nur antworten: Jetzt ist er hier und möchte das Zerbrochene heilen.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten