In Peru habe ich gelernt, Geburtstage zu feiern. Nicht nur, weil die Spiele verrückter sind als bei uns im Jugendraum und ich schon alleine beim Anschauen der Torten Zahnschmerzen kriege, sondern vor allem, weil es mich berührt, wie viel Bedeutung ein Geburtstagsfest haben kann.
Antonio* wohnt in unserem Quartier und ist oft bei Nataly und Pedro zu Hause. Heute ist sein 16. Geburtstag. Doch es ist kein schöner Tag. Die Eltern streiten sich mal wieder, die Mutter packt ihre Sachen und verlässt das Haus. Für Antonio ist es einfach ein weiterer Tag, an dem er alleine den Haushalt schmeisst.
Er weiss nicht, dass Nataly und ich spontan mit seinem bestem Freund zusammen eine kleine Überraschungs-Party auf die Beine gestellt haben. Da es einiges zu organisieren gab, wird es spät abends bis das Fest losgeht. Seine Freunde begleiten den nichts ahnenden Antonio zu Natalys Haus, wo wir ihn mit dem obligaten Überraschungsruf empfangen. Als Antonio begreift, was los ist, beginnt er vor Freude zu weinen. In dem Moment zieht sich mein Herz so fest zusammen, dass auch ich die Tränen nicht mehr zurückhalten kann.
Als Ältester von drei Brüdern musste Antonio schon früh die Verantwortung für Haushalt und Erziehung übernehmen. Die Eltern arbeiten den ganzen Tag und sind abends oft mit Freunden unterwegs. Antonio kocht, putzt und kümmert sich liebevoll um seinen jüngsten Bruder (und nebenbei auch um alle anderen Kinder im Quartier). Vergangenes Jahr hat Antonio die Schule abgeschlossen. Sein Traum ist es, Medizin zu studieren: „Ich möchte damit anderen Menschen helfen.“ Doch den Eltern fehlt neben den Finanzen auch ein Verständnis für die Wichtigkeit von Bildung. „Die Bildungsinstitutionen sind eine reine Maffia und wollen nur unser Geld. Wenn Antonio studieren will, muss er sich das Geld selbst erarbeiten“, sagt sein Vater.
Trotz all den Schwierigkeiten hat Antonio immer ein Lächeln im Gesicht und einen Spruch auf den Lippen. Ausser heute – heute weint er. Seine Tränen zeigen mir zum ersten Mal, wie sehr dieser Junge unterstützende Arme und liebevolle Augen benötigt. Diese findet er im Hause García. Ich bin dafür genauso dankbar wie Antonios bester Freund, der am Ende des Festes sagte: „Jetzt weiss ich, dass Antonio nicht allein ist. Er hat hier eine Familie, die sich um ihn kümmert.“
Seit meinem letzten Kindergeburtstagsfest hat für mich das Feiern dieses Tages an Wert verloren. Geboren zu werden ist in den meisten Fällen keine Leistung, zu der man gratulieren kann. Weshalb also sollten wir dafür ein Fest veranstalten? An Antonios Geburtstag haben wir nicht nur gefeiert, dass er existiert, sondern dass sein Leben etwas bedeutet. Er ist wertvoll in den Augen aller, die mitfeiern. Und er bleibt auch dann wertvoll, falls eines Tages diese Augen verschwinden. Denn Gottes liebender Blick wird sich nie von ihm abwenden.

*Name geändert