Müll wählen verboten

Die Hölle findest du, wenn du bei jeder Weggabelung den Pfad des Misstrauens wählst. Wer es nicht schafft, anderen zu vertrauen, wird Beziehungs-immun und Hilfe-resistent. Vertrauen bildet die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Doch der Weg des Vertrauens ist steinig.

Am kommenden Sonntag finden in Peru ausserordentliche Parlaments-Neuwahlen statt. Der Präsident hat das alte Parlament aufgrund von fehlendem Vertrauen aufgelöst. Vielen Peruanern ist aber trotz Neuwahlen bereits jegliches Vertrauen in die Politik abhandengekommen: „Wozu soll ich wählen gehen, wenn sowieso alle Parteien korrupt sind?“, fragte sich neulich meine Nachbarin.

Auch in einzelnen Lebensgeschichten begegne ich immer wieder der Frage: „Wie kann ich jemals wieder jemandem vertrauen?“. Ein junger Mann wird von seiner Frau ohne Vorwarnung aus dem Haus geschickt und muss jetzt dafür kämpfen, seine zwei Kinder wenigstens ab und zu sehen zu dürfen. Eine junge, schwangere Frau muss plötzlich alleine für ihre Kinder sorgen, nachdem ihr Mann den ständigen Kampf ums Überleben nicht mehr ausgehalten und sie verlassen hat. Nach solchen Enttäuschungen wieder jemandem ganz zu vertrauen, scheint viel verlangt zu sein.

Manchmal ist Misstrauen nicht nur emotional nachvollziehbar, sondern auch rational verlangt. Ich traue keinem Strassenköter über den Weg, ohne einen Stein wurfbereit in der Hand zu halten. Im ruckeligen Kleinbus wickle ich meinen Rucksackriemen fest um mein Handgelenk. Vertrauen kann sich schnell als Dummheit entpuppen. Oder sind am Ende Vertrauen und Einfältigkeit immer nichts weiter als verschiedene Perspektiven auf dasselbe Geschehen?

Falsch geschrieben aber wahr: „Müll wählen verboten“, votar = wählen, botar = wegwerfen

Bei meinem ersten Besuch in Peru wurde mein Vertrauen einige Male enttäuscht: Gute Freunde verbargen ihre zwielichtige Vergangenheit vor mir, andere suchten meine Freundschaft nur deshalb, weil ich Europäerin bin. Doch ich habe mich entschieden, diesen Menschen trotzdem wieder zu vertrauen. Vertrauen bedeutet nicht, gedankenlos alles anzunehmen, was sie sagen. Sondern es bedeutet hinter ihren Fehlern eine Person zu sehen, deren Freundschaft sich lohnt. Die Wahl zwischen Misstrauen und Vertrauen ist die Wahl zwischen einem harten und einem weichen Herzen. Ein hartes Herz schützt vor Verletzung und Schmerz. Aber ich glaube es lohnt sich, Schmerz in Kauf zu nehmen, um ein weiches Herz zu bewahren.

Nataly und Pedro sind für mich grosse Vorbilder was Vertrauen angeht. Bei der Schwangerschaft ihrer beiden Kinder sagten die Ärzte jeweils, dass es entweder Nataly oder das Kind nicht überleben würden und sie empfohlen ihnen eine Abtreibung. Doch als sie beteten, gewannen sie das Vertrauen, dass Gott Kind und Mutter schützen würde und entschieden sich gegen eine Abtreibung. Auch wenn es beide Male ein Überlebenskampf war, ist die vierköpfige Familie jetzt gesund und munter und ein Zeichen dafür, dass sich das Vertrauen gelohnt hat.

Auch jetzt in ihrer Arbeit mit „Casa de Dios“ ist jeder Tag ein Schritt des Vertrauens. Denn eigentlich haben sie nichts: keine Lokalität, keinen Arbeitsgeber, keine regelmässige Unterstützung von aussen. Doch Pedro sagt: „Ich sehe, wie unsere Arbeit die Leben dieser Menschen verändert und weiss deshalb, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gott wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen.“

Manche würden wohl sagen, solch ein blindes Vertrauen ist dumm. Doch ihr Vertrauen erscheint mir vielmehr begründet als blind. Es gründet darin, dass sie erlebt haben, wie Gott ihr Leben verändert hat. Wenn also dieser Gott sie zu einer Aufgabe berufen hat, können sie vertrauen, dass ihr ihnen auch hilft, diese Aufgabe zu erfüllen. Sie vertrauen ihm, weil sie ihn kennen.

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