Adiós Privatsphäre

Menschsein bedeutet, sich durch Begegnungen verändern zu lassen. Wir sind soziale Wesen, zur Interaktion geboren und aus ihr heraus immer wieder neu entstehend. Dies unterscheidet uns von Maschinen: Wenn du zehn Rasenmäher in einen Raum stellst und nach zwei Stunden wieder kommst, werden sie sich nicht verändern. Stellst du zehn Menschen in einen Raum, wird schon allein durch die Präsenz der anderen keiner mehr gleich sein wie zuvor.

Und doch – als höfliche, konfliktscheue Schweizerin komme ich mir hier in Peru manchmal eher so vor wie ein Rasenmäher: Mein Gefühlsleben tritt selten nach aussen und ich sage niemandem, wie er oder sie zu leben hat. Ich wahre Distanz und nenne dies „Privatsphäre“.

Das Leben in einem Häuschen, das von Kleinkind bis Urgrossmutter bewohnt und vom halben Quartier besucht wird, bringt mein Konzept von Privatsphäre etwas durcheinander. Benötigt ein Zuhause überhaupt Privatheit? Ist Heimat nicht vielmehr dort, wo sich jemand für die Tiefe meines Herzens interessiert und ehrlich darauf reagiert? Fühle ich mich nicht gerade dann zuhause, wenn es keinen Grund gibt, mich zurückzuziehen? Wenn Menschsein in Begegnung entsteht, wird dies dann nicht zu oft durch die dicken Mauern der Privatsphäre verhindert?

Nataly, die Herrin des Hauses, schafft es auf beeindruckende Art und Weise ein Zuhause zu gestalten. Wenn sie ein Verhalten nicht gut findet, hält sie sowohl ihre Worte als auch ihre ausgestreckten Arme nicht zurück. Mit ihren liebevollen Augen geht sie dem Herzen des Gegenübers auf den Grund und zieht dabei die Ehrlichkeit der Schmerzlosigkeit vor.

Als eines von zehn Kindern kam sie mit 8 Jahren nach Lima, wo sie von ihrem Onkel grossgezogen wurde. Als einzige Frau im Haus hat sie bald gelernt, ihre Gefühle für sich zu behalten und sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Die Kämpfe des Lebens haben ihr Herz geöffnet, so dass sie jetzt mit ganzer Kraft für ihre Bedürfnisse und die Nöte anderer einsteht. Dies tut sie nicht zuletzt, weil sie immer wieder erlebt hat, dass Gott ihre eigenen Gefühle und Nöte ernst nimmt und ihr die Verantwortung überträgt, sich auch um andere zu kümmern.

Begegnungen verändern – doch meist erst dann, wenn liebevolle Augen meine Privatsphäre überwinden und ich ihnen freie Sicht auf mein Herz gewähre.

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